Das Nachtbuch



26.3.03
Verfall einer Weltmacht
Bereich: Geschichte


Zu den traurigen Entwicklungen der letzten nur ein kurzes, spontanes Statement: Die Entwicklung der USA erfüllt mich tiefster Sorge. Im Gefühl uneingeschränkter Macht ist dieses Land dabei in Dekadenz zu verfallen. Selbstreflexion und Selbstkritik sind für mich immer die wertvollsten und entscheidenden Merkmale wirklich mächtiger Staaten gewesen. Die USA sind dabei, beides zu verlieren. Die alten Ideale wie Freiheit, insbesondere Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Moral und Denokratie werden zu leeren Worthülsen. Mittlerweile ist es ja fast so, daß man den Nachrichten von Al Jazeera mehr vertrauen kann als den Meldungen amerikanischer Stellen. Das ist eine unglaublich traurige Entwicklung. Ich sehe, im Gegensatz zu vielen anderen, weniger die Gefahr, daß die USA in Zukunft die Welt beherrschen könnten. Vielmehr sehe ich voraus, daß dieses Land durch seine Überheblichkeit auf lange Sicht mehr und mehr an Ansehen und Einfluß in der Welt verlieren wird. Die Rolle der USA als Führer der westlichen Welt gründete sich doch vor allem darauf, daß sie die oben genannten Ideale bis vor einiger Zeit einigermaßen - wenn auch nicht immer - glaubwürdig vertreten hat, jedenfalls nicht weniger als irgendein anderes Land. Doch jetzt geht der Ansehensverlust geradezu von dramatischen Geschwindigkeit vonstatten. Der Kontrahent der USA im 21.Jahrhundert und später wird nicht China sein - es wird die innere Erstarrung sein und der moralische und ideelle Verfall, wenn er nicht aufgehalten wird. Ich sehe vor allem die Gefahr, daß die westliche Welt führungslos werden wird und die Welt insgesamt wieder in nationales Denken zurückfallen wird. Da auch Europa kaum zu einer Meinung zusammenfinden wird, weiß ich nicht, wie man diesem Prozeß Einhalt gebieten könnte. Wenn der Verlust an Einfluß und Ansehen erst einmal einen gewissen Punkt erreicht hat, werden sich die USA auf ihren Kontinent zurückziehen müssen. Dies mag für manchen eine erfreuliche Entwicklung sein, aber ich habe da meine Befürchtungen. Ich glaube nicht, daß die Welt sich in den kommenden Jahrzehnten hauptsächlich unter einem Hegemonialstreben der USA zu leiden hat - wer das glaubt, nähert sich der Hybris verdummter Amerikaner an - sondern daß vielmehr ein möglicherweise gefährliches Machtvakuum entsteht und, vielleicht noch schlimmer, ein ideelles Vakuum. Unter Umständen hat diese Entwicklung auch ihre Vorteile, aber da wir immer noch im Zeitalter der Atombombe leben, gibt es Schlimmeres zu befürchten als die Dominanz einer vergleichsweise humanen Hegemonialmacht. Der linke Slogan "lieber rot als tot" hat einiges für sich: Ich drehe ihn um: Lieber unter der Dominanz der USA als tot. Aber, wie gesagt, ich glaube an einen eher schwindenden Einfluß der USA in den kommenden Jahrzehnten. Vielleicht bringt bereits der - möglicherweise verlustreiche - Golfkrieg die dramatische Wende. Der Ignoranz für die Befindlichkeiten der Alten Welt könnte sehr schnell ein völliges Desinteresse für die Alte Welt folgen. Es wäre ein an sich logischer Prozeß. Und wenn sich dann das "alte Europa" nicht zusammenrauft, sondern vielmehr den Verfallsprozeß der USA immitiert, dann sehe ich wirklich einige Probleme auf uns zukommen. Ich weiß nicht, ob das jetzt jemand versteht, der entscheidende Punkt jedenfalls, den ich sagen wollte, ist, daß die USA die innere Kraft zu verlieren scheint, die Welt dominieren zu können, auch wenn das momentan ganz anders auszusehen scheint. Aber einem kräftemäßigen Verfall ist meist ein moralischer/ideeller Verfall als Stufe 1 vorausgegangen. Möglicherweise kommt ja auch noch eine Gegenbewegung zu Stande da drüben, das hat es in der Geschichte der USA schon öfter gegeben, ich denke etwa an die Proteste gegen den Vietnamkrieg. Momentan sehe ich von so einer Selbstheilung aber noch nichts. Naja, warten wir ab, auch Menedemos weiß nicht alles...


22.3.03
Vorgetäuschter Pazifismus
Bereich: Politik


Ich wollte heute wirklich zu einer Friedensdemo gehen, weil ich diesen Krieg immer noch für illegal wie auch für illegitim halte. Ich war auch schon letzte Woche auf einer Friedenskundgebung und wollte es heute wiederholen.
Doch heute ist mir ziemlich schlecht geworden und ich mußte heimgehen. Schlecht deshalb, weil ich den Fehler begangen habe, den Rednern zuzuhören.
Gestört haben mich schon die vielen Hammer und Sicheln auf den Transparenten und die ganzen Ché Guevaras. Muß man denn unbedingt Kommunist sein, um für den Frieden sein zu dürfen, um sich für den Frieden engagieren zu dürfen? Werden Friedensfreunde, die nicht dieser Ideologie anhängen, ausgegrenzt? Ich glaube ja, ich glaube, es würde diesen Herrschaften ihr Weltbild ins Wanken geraten, wenn sie sehen müßten, daß auch Menschen anderer, weniger dogmatischer politischer Couleur, ein Gewissen haben und keinen "imperialistischen Krieg" wünschen, wie sie sich auszudrücken pflegen. Deshalb - so vermute ich - werfen sie sich in Uniform, damit nur ja kein anderer auf die Idee kommt, für den Frieden öffentlich aufzutreten.
Was hat im übrigen Ché, was hat der Kommunismus mit Pazifismus zu tun? Die ganz klare Antwort lautet: Nichts! Weder die Kommunisten waren Pazifisten, schon nach gar nicht Ché Guevara. Haben sich selber auch nicht als Pazifisten gesehen.

Aber gut, das waren die Teilnehmer an der Demo, da kann jeder seine (absonderliche) Meinung haben. Erschreckender noch waren die Reden auf dem Podium. Da wurde die Abschaffung der Bundeswehr gefordert. Was bitte, hat die Abschaffung der Bundeswehr mit dem Irakkrieg zu tun? Ich hielte die Abschaffung der BW für absoluten Blödsinn, schon allein, weil wir dann noch mehr von den USA abhängig werden würden. Ich bin gegen den Irak-Krieg, muß ich deshalb gleichzeitig für die Abschaffung der Bundeswehr sein?
Aber es kam noch schlimmer: Ein anderer Redner war sich nicht zu schade, das Leben im Irak, bevor die Alliierten 1991 eingegriffen haben, in den blühendsten Farben zu zeichnen. Basra sei das Venedig des nahen Ostens gewesen... Und nur die bösen, bösen Amis sind schuld, daß es dem irakischen VOlk so schlecht geht. Hat dieser Trottel da droben noch nie gehört, daß Saddam Giftgas gegen sein eigenes Volk eingesetzt hat.
Es wäre sicher noch weiter gegangen, aber, wie gesagt, mir ist ja schlecht geworden, und ich mußte gehen...

Der Verdacht kommt bei mir wieder einmal auf, daß alles verlogen ist, daß diese Leute gar nicht für den Frieden sind, daß ihnen das irakische VOlk scheißegal ist, daß es ihnen nur um infantiles Rebellieren geht. Wenn es ihnen um die Sache, um den Frieden selbst gehen würde, würden sie auf solchen Unsinn verzichten, um möglichst viele Menschen mit ins Boot zu holen. So stoßen sie viele Menschen ab, aber das ist ihnen offensichtlich egal.

Ich aber verlasse das Boot. Mit solchen Leuten wünsche ich nichts gemein zu haben. Ihre Motivation ist mir moralisch nicht rein genug.

Ich werde weiterhin gegen diesen Krieg sein, wie ich es vorher war. Ich werde auch dagegen schreiben und dagegen reden. Aber auf eine "Friedens-"kundgebung gehe ich nicht mehr. Das sind doch nur Zusammenrottungen von Leuten, die sich an der dort entstehenden Gruppendynamik und -zugehörigkeit aufgeilen und die sich im Lichte des - scheinbaren - Gutmenschentums sonnen wollen!

Ich weiß, daß ich vielen damit Unrecht tue, das war nur mein persönlicher Eindruck, den ich heute, am Samstag den 22.März, vor der Nürnberger Lorenzkirche gewonnen habe.




16.3.03
Universalbildung - eine primitive Gesinnung?
Bereich: Soziologie vielleicht

Herrje, hier habe ich ja schon lange nichts mehr geschrieben. Hmm, heute habe ich über den Drang nachgedacht, sich universelle Bildung aneignen zu wollen. Zu der Sorte gehöre ich ja auch ein bißchen, man sehe nur, in wievielen Fachbereichen ich versuche zu dilettieren...
Bekanntlich heißt es, gäbe es heute keine Universalgebildeten mehr, weil das Wissen der Welt viel zu groß geworden ist, als daß es in einem Kopf und vor allem in einem Menschenleben zu erfahren und zu erfassen ist. Das ist wohl war, gleichwohl wird das häufig bedauert, auch von mir. Es ist, als ob durch diese Erkenntnis die Welt selbst zerrissen wäre.
Aber warum erscheint das bedauerlich? Ich erkenne darin mittlerweile einen primitiven, zumindest einen primitivistischen Zug (was oft genug das gleich ist). Denn es läuft auf eine Ablehnung der arbeitsteiligen Gesellschaft hinaus. Schon seit den Sumerern beherrschen nicht alle Menschen alle Fertigkeiten gleichermaßen gut, sondern haben sich spezialisiert in verschiedene Berufe. Was Wunder, wenn diese Arbeitsteilung schließlich auch in den rein geistigen Bereich Einzug erhalten hat? Sich dieser Tatsache zu verweigern, auf das Wissen anderer angewiesen zu sein, ist etwa zu vergleichen, wenn jemand ein Survival-Training in der Wildnis macht. Auch der versucht autark zu sein und lehnt die Gesellschaft und die Abhängigkeit von anderen Menschen ab. Für mich ist also das Streben nach universaler Bildung ein Primitivismus, eine gesellschaftsfeindliche Attitüde, ein geistiges Survivaltraining.
Sicherlich ist es persönlich als auch für die Allgemeinheit bedauerlich, wenn es nicht mehr möglich ist, alles wesentliche Wissen in einem Kopf zu verknüpfen. Aber das läßt sich durch noch so fromme Wünsche auch nicht ändern.



6.2.03
Unsagbarkeit des Unvollendeten
Bereich: Linguistik

Momentan habe ich ein gewisses Problem, was diese Rubrik betrifft. Ich dachte mir am Anfang, daß es so einfach möglich wäre, hier Gedankensplitter aufzuschreiben. Der Haken ist jedoch, daß ich eine große Abneigung habe, unvollendete Gedanken in Schriftform zu bringen. Und das, wie ich vermute, zu Recht, denn sobald etwas schriftlich niederlegt ist, wird es von Dritten mit viel kritischeren Augen gelesen, als wenn es in gesprochener Sprache geäußert wird. Wenn ich mich also nicht blamieren will, darf ich gewisse Dinge nicht äußern. Ich sehe hier ein Defizit unserer Sprache (und ich sage bewußt "unserer", weil es insbesondere ein Phänomen des deutschsprachigen Raumes ist, dem geschriebenen Wort eine allzu große Seriosität zuzuschreiben): Gewisse Dinge sind in schriftlicher Form nicht ausdrückbar. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Entweder man bringt manche Gedanken nicht zum Ausdruck oder aber man verdreht sie so, daß sie überzeugend wirken. Vielleicht ist auch das der Grund, daß man nur äußerst selten von zweifelnd und fragend geäußerten Gedanken liest. In aller Regel scheint ein Autor von der absoluten Richtigkeit des von ihm gesagten überzeugt. Doch das ist unseriös. Ich würde gerne allenfalls halb zu Ende gedachte Gedanken äußern, oder auch Fragen, aber da es dafür keinerlei Tradition gibt, würde dieses Vorgehen vielleicht von niemandem verstanden werden.



6.1.03
Vokabular von Politikern
Bereich: Politik, Linguistik


Irgenwie bin ich jedesmal von neuem peinlich berührt, wenn unsere Politiker von den "Menschen" sprechen.
"Was die Menschen wirklich interessiert..."
"Die Menschen im Lande verstehen sehr gut die Auswirkungen dieser Politik..."
"Wir müssen den Menschen erklären, warum dies und das nötig ist..."
etc.
Irgenwie erscheint mir diese Vokabel in diesem Zusammenhang unsympathisch, und ich weiß nicht einmal genau, warum. Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, wie sie in der Regel ausgesprochen wird. Sie hat etwas rührend Mitleidvolles, Bemutterndes. Ich für meinen Teil will aber weder Mitleid noch Bemutterung, (die ja untrennbar auch mit Bevormundung verbunden ist), sondern erwarte schlicht und ergreifend eine gute Arbeit und eine gute Politik von den gewählten Volksvertretern. Diese erkünstelten Fürsorgebekundungen sind meines Erachtens bei einer seriösen Politik völlig fehl am Platz. Lieber wäre mir, wenn das "Menschen" durch "Bürger" ausgetauscht würde, denn "Bürger" ist ein wirklich würdigender Ausdruck für den souveränen Staatsbürger einer freien Gesellschaft.
Mir ist freilich klar, wie schwierig es ist, diesen kleinen, aber feinen Unterschied verständlich zu machen, denn es ist ja allzu leicht, damit zu argumentieren, daß "Menschen" ja kein Schimpfwort sei... Mit besonderer Dreistigkeit wäre sogar eine Beziehung zwischen der Verwendung dieses Wortes in diesem Kontext mit den Idealen des Humanismus und der Menschlichkeit herzustellen. Aber all das ist nicht der Geist, der dahintersteckt, nicht wirklich (ob die Benutzer dieses Wortes das glauben, ist dabei gar nicht so entscheidend). Und bei der Verwendung eines Wortes ist ja immer der Kontext entscheidend.
Letztlich ist es jedoch ein Gefühl, welches mir dieses Wort unangenehm erscheinen läßt, und Gefühle kann man ohnehin nicht vermitteln, sondern jeder muß sie selbst erspüren. Man kann allerdings auf sie hinweisen... Abschließend ist zu sagen, daß es mir natürlich nicht um dieses Wort allein geht. Es ist vielmehr der Geist, der mir dahinterzustecken scheint und auf den meine Kritik abzielt. Zwar ist mir bewußt, daß allein die Sprachwahl den Geist wenig beeinflussen kann, aber ein Anfang wäre das trotzdem.



22.12.02
Objektive Qualität
Bereich: Erkenntnisphilosophie


Gibt es objektive Maßstäbe für Qualität, etwa für die Richtigkeit eines Gedankens, die literarische Qualität eines Buches, die künstlerische Qualität eines Gemäldes?
Obwohl der Relativismus sehr modern ist (und immer moderner wird), behaupte ich, daß es doch so etwas wie objektive Qualität gibt. Die Schwierigkeit ist nur, sie herauszufinden, wenn jeder etwas anderes sagt. Denn auch für die Qualität der Beurteiler scheint es ja keine objektiven Maßstäbe zu geben... Ein absoluter Schiedsrichter, der beurteilen kann, welcher Beurteiler etwas von der Sache versteht und wer nicht, fehlt ja, bzw. kann man sich auf keinen solchen einigen.
Mein Vorschlag ist ein empirischer. Nehmen wir einmal an, wir haben eine gewisse Anzahl guter und schlechter Bücher. Gleichzeitig haben wir eine Anzahl Leute, von denen einige ein Gespür für gute Literatur haben, andere davon (die in der Überzahl sind) jedoch nicht. Jeder der Testpersonen muß nun zu jedem Buch eine Beurteilung abgeben. Die (in der Theorie mögliche) Folge wird sein: Diejenigen, die nicht viel von Literatur verstehen (dies aber gleichwohl nicht wissen oder nicht einsehen) haben ja keine echte Unterscheidungsgrundlage, was ein gutes und was ein schlechtes Buch ist. So werden sie ihre Tips ziemlich disparat abgeben. Diejenigen jedoch, die ein Gespür für Literatur besitzen, werden meist für dieselben, nämlich für die guten Bücher votieren. Ihr Votum wird wesentlich einheitlicher sein, und so kristallisieren sich nicht nur die guten Bücher, sondern gleichzeitig die guten Beurteiler heraus.
Gewiß ist diese Erwartung sehr theoretisch, da bei Literatur auch Geschmacksfragen eine große Rolle spielen.
Nehmen wir deshalb eine Situation aus der Mathematik. Nehmen wir an, eine Schulklasse hat eine schwierige Rechenaufgabe zu lösen. Allerdings fehlt der Lehrer (also die endgültige Instanz, die es in der Kunst ja auch nicht gibt), der hinterher das korrekte Ergebnis nennt. Die Schüler kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wie sollen sie sich hinterher einigen oder herausfinden, wer das richtige Ergebnis gefunden hat? Denn selbst wenn die schlechten Schüler sich ihrer Unkenntnis bewußt sind (was durchaus nicht selbstverständlich ist), werden sie das kaum zugeben und ihr Ergebnis als das richtige verkaufen.
Nun, die guten Schüler werden alle zum selben, nämlich zum richtigen Ergebnis gekommen sein. Die schlechten Schüler dagegen sind mal zu diesem, mal zu jenem Ergebnis gekommen. Und obwohl die falschen Ergebnisse sicherlich häufiger sind als das richtige, ist das richtige Ergebnis doch am häufigsten genannt worden, weil die falschen Ergebnisse eher wahllos verteilt sind. Somit schält sich am Ende nicht nur das richtige Ergebnis, sondern schälen sich auch die guten Schüler heraus. Sie können dann für künftige Fälle als Instanz für richtig und falsch herangezogen werden.
Vielleicht wird jetzt jemand einwänden: "Aber auch die schlechten Schüler könnten doch, aufgrund oft des gleichen Rechenfehlers, auf ein einheitliches Ergebnis gekommen sein!" Mag sein, aber dann muß man den Test halt mit verschiedenen Aufgaben einfach wiederholen, irgendwann trennt sich dann schon die Spreu vom Weizen. Außerdem deuten solche methodischen Einwände darauf hin, daß jemand meine theoretische Aussage einfach noch nicht verstanden hat.
Ich behaupte, daß dieses Verfahren, das ich gerade anhand einer Matheaufgabe skizziert habe, prinzipiell (!) auch auf geisteswissenschaftliche oder gar künstlerische Bereiche übertragbar ist.
Doch selbst wenn dieses Verfahren in der Praxis nie anwendbar sein sollte, so ist die dahinterstehende theoretische Überlegung doch geeignet, den Relativismus zu widerlegen.
Nicht mehr und nicht weniger!



21.12.02
Reitervölker
Bereich: Geschichte


Ich habe mir heute gedacht, daß man die großen Reitervölker Zentralasiens am besten mit Seefahrernationen vergleichen kann. Sie bereisten ja geradezu ein Steppenmeer, überbrückten weite Entfernungen, navigierten nach den Sternen. Ihnen mußte die unendliche Steppe so vorkommen wie jenen das Meer. Und wenn sie ein Imperium gründeten, wie die Mongolen, dann eroberten sie - außer der Steppe selbst - meist nur den Grenzsaum des eurasischen Steppengürtels. In Waldgebiete sind sie selten vorgestoßen, und wenn, dann wurden sie zurückgeschlagen. Dies war nicht ihr Element. Auch das ist mit Seefahrtnationen zu vergleichen. Auch diese eroberten zumeist nur den Küstenstreifen, ins Landesinnere wagten sie sich nur selten vor.
Marco Polo nutzte übrigens die Geschlossenheit des mongolischen Weltreichs, um bis nach China zu reisen. Auch hier also eine Parallele: Er war damit ein geistiger Verwandter der großen Seefahrer des darauffolgenden Jahrhunderts, nur mit dem Unterschied, daß er den kontinentalen Ozean befuhr.



21.12.
Nur eine kleine Provokation.
Bereich: Politik


Diese kleine Kollage habe ich heute erstellt. Ich hoffe, sie gefällt euch...





21.12.02
Gibt es "überzeugende" Argumente?
Bereich: Philosophie


Oftmals habe ich nachgedacht, wie eine Argumentation ausgefeilt sein muß, die geeignet ist, zu überzeugen. Letztlich muß man aber immer wieder die Erfahrung machen, daß man die besten Gedanken mit goldener Zunge vorbringen könnte und es dennoch nicht schaffen würde, den Zweifler zu überzeugen.
Oft sträuben sich die Menschen ja regelrecht, sich von irgendetwas Bestimmten überzeugen zu lassen, und dagegen kämpfen Götter selbst vergebens. Oder um mit Andreas Gryphius zu sprechen: "Niemand ist so blind wie der, der nicht sehen will." Oder andernmals hat er gesagt: "Ungläubigen die Wahrheit predigen, heißt Blinden schöne Dirnen weisen." Daher glaube ich, daß man gar nicht so große Anstrengungen unternehmen sollte, den letzten Zweifler zu überzeugen. Dieses Unterfangen ist in der Regel frustrierend und ohnehin vergebens. Die Aufgabe der Überzeugung liegt nämlich nicht auf Seiten des Sprechers, sondern auf Seiten des Hörers. Letztlich muß der die Bereitschaft aufbringen, sich selbst zu überzeugen, und zwar zum eigenen Vorteil. Man kann Gedanken anbieten, appetitlich darreichen, gewiß, aber überzeugen muß sich der Zuhörer selbst. Daher ist jede Anstrengung, irgend jemanden überzeugen zu wollen, im Grunde unsinnig, weil die Aufgabe der Überzeugung auf der anderen Seite liegt. Ein Koch kann Speisen zubereiten, aber das Schlucken ist nicht seine Aufgabe und er kann es niemandem abnehmen. Und letzlich ist es ja auch das Problem des Gastes, wenn er lieber hungert. Daher verfahre ich oft so, daß ich aufhöre zu argumentieren, wenn ich das Gefühl habe, daß der andere verstehen könnte, was ich sagen will, wenn er nur bereit dazu wäre. Weiter dringe ich meistens nicht darauf, meine Meinung zu verfechten, denn der ganze Rest ist Aufgabe des Gegenübers.

So halte ich Diskussionen auch nur dann für sinnvoll, wenn ich das Gefühl habe, daß mein Gesprächspartner entweder bereit ist, seine Meinung unter Umständen zu revidieren oder ich zumindest selbst das Gefühl habe, von ihm vielleicht noch etwas lernen zu können.



20.12.02
Gefahr durch Kontakt zweier Biosysteme
Bereich: Exobiologie


Aller Anfang ist schwer, dies wird also der erste Eintrag in diese Rubrik. Ich will nicht gleich (v.a. an mich) die künftigen Erwartungen so hochschrauben, daher ein nicht allzu reflektierter Beitrag. Ich werde hier zu keinem Ergebnis kommen, aber oft sind ja die richtigen Fragen revolutionärer als irgendwelche Antworten.

Und nun zur Sache: Irgendwann, ich tippe in 30 Jahren, werden zum ersten Mal Menschen den Boden des Mars betreten - und zurückkehren. Vorher werden wahrscheinlich schon Gesteinsproben dort genommen und auf die Erde zurückgebracht. Wir suchen dort vor allem außerirdisches Leben - und wenn wir es finden? Ich sehe dann ernste Gefahren für alles Leben auf der Erde. Wie würden irdisches Leben und marsianisches Leben miteinander interagieren?
Bereits 1897 hat H.G.Wells diese Frage in "The War of the worlds" gestellt: Damals machten die technisch turmhoch überlegenen, aber bösartigen Marsbewohner eine Invasion auf der Erde und wollten die Menschheit vernichten - und wurden von den irdischen Mikroben, gegen die sie keine Abwehrkräfte besaßen, hinweggerafft. Heute wissen wir, daß es auf dem Mars kein hochentwickeltes Leben gibt, allenfalls Mikroben. Was aber ist, wenn sich die Geschichte umgekehrt bewahrheitet? Wenn wir es sind, die gegen außerirdische Lebensformen keine Abwehrkräfte besitzen, nachdem wir sie irgendwie auf die Erde eingeschleppt haben?
Dabei ist die direkte Gefahr völlig zu vernachlässigen. Trotz möglicher Analogien werden außerirdische Lebensformen wohl zumindest so weit in ihrer Biochemie verschieden sein, daß eine direkte Interaktion ausgeschlossen ist. Auch wenn sie auch wie wir auf Kohlenstoffchemie basieren, sind ihre Grundbausteine wohl für uns völlig unverwertbar - und umgekehrt. Bereits Moleküle einer anderen Chiralität, etwa rechtsdrehende Aminosäuren, sind für irdische Wesen vollkommen unverwertbar. Daher könnten wir Marsmikroben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kiloweise in uns hineinstopfen, ohne daß es zu einem Schaden käme. Irdische Mikroben oder Viren müssen z.B. hochspezifisch und angepaßt sein, um uns schaden zu können. Unter diesem Aspekt droht also keine Gefahr. Wohl aber von einer anderen Seite: Die Marslebewesen können der irdischen Biologie nicht direkt schaden - umgekehrt ist es aber genausowenig möglich. Wenn also Marsleben auf irgendeine Weise auf unserem Planeten Fuß fassen könnte, hätten wir den bizarren und in den Jahrmilliarden Jahren der Erdgeschichte wohl einmaligen Fall, daß zwei völlig verschiedene Biologien unbehelligt nebeneinander existierten. Sie würden sich nur um eine Sache streiten: Licht (die wichtigste Energieform). Wahrscheinlich hätten auch die Mars"pflanzen" eine Art Photosysthese entwickelt, um aus dem Sonnenlicht Energie zu gewinnen. Der schlimmste denkbare Fall ist nun, daß die Marspflanzen die irdischen Pflanzen irgendwie verdrängen können. Der Prozeß wäre kaum mehr aufhaltbar. Ihre verrottete Biomasse würde immer mehr die Erde anfüllen, weil diese von irdischen Mikroben nicht abgebaut werden könnte. Was dem Marsleben wiederum einen weiteren Vorteil gegenüber dem irdischen gewähren würde. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Problem wirklich verantwortungsbewußt genug diskutiert wird oder überhaupt nur erkannt ist. Einige wenige Keime könnten bereits ausreichend sein. Keine Marsprobe kann man verläßlich genug nach außen absichern (schon allein, weil die Marssonde bei Wiedereintritt in die Erdatmosphäre abstürzen könnte). Und Menschen (Astronauten) kann man sowieso nicht richtig sterilisieren.
Bisher wissen wir nicht, wie zwei völlig unterschiedliche Biosysteme miteinander interagieren würden. Wird das eine das andere auf lange Sicht vernichten, völlig vom Planeten verdrängen? Möglicherweise hat es in der Frühzeit der Erde mehrere Biosysteme gegeben - übrig geblieben ist nur ein einziges, unser eigenes! Die Existenz nur eines einzigen Biosystems ist zwar kein Beweis, daß es vor Jahrmilliarden zu einem Kampf im K.O.-System gekommen ist, aber denkbar wäre das schon. Vielleicht geht der uralte Kampf in dreißig Jahren in eine neue Runde... Eine leichte Ahnung der Problematik bekommt man, wenn man sich vor Augen führt, was allein schon passieren kann, wenn eine Art nur in ein anderes Ökosystem eindringt. Beispiel Killeralge im Mittelmeer: Dieses Ungetüm aus der Karibik (ich glaube Karibik) hat sich innerhalb weniger Jahre über das halbe Mittelmeer verbreitet und alle einheimische Meeresflora fast restlos verdrängt. Wir haben es hier mit einer ähnlichen, "friedlichen" Eroberung zu tun: Denn auch die "Killeralge" killt nicht wirklich. Sie lebt auch ganz friedlich - und breitet sich trotzdem unaufhaltsam aus... Dabei besteht die Killeralge aus den gewöhnlichen biologischen Komponenten und müßte daher von diversen Tieren gerne gefressen werden.
Wenn man Exobiologen reden hört, hört man immer wieder, irdische Raumfahrzeuge müßten sehr sorgfältig sterilisiert werden, damit nicht etwa irdische Mikroben die Marsoberfläche kontaminieren. Macht sich eigentlich irgendwer um das Umgekehrte Gedanken? Gewiß, die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios ist nicht allzu hoch. Ich würde die Wahrscheinlichkeit, daß es auf dem Mars (noch) irgendwelches Leben gibt, nicht höher als auf 5% veranschlagen. Und wenn dem so ist, ist die Gefahr, daß dieses eine existentielle Bedrohung für das irdische darstellen könnte, etwa genausohoch zu terminieren. Nichtsdestotrotz halte ich das Risiko immer noch für viel zu hoch. Daher rate ich, so lange mich keiner eines besseren belehrt, von einer bemannten Marsmission und sogar von frühen Planungen dazu dringenst ab.



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