Marc Aurel: Gespräche mit der eigenen Seele




Marcus Aurelius war von 161-180 Kaiser des Römischen Imperiums. Er galt als der Philosoph unter den Caesaren, zum Zeichen seiner philosophischen Ambitionen ließ er sich auch einen Bart stehen. Obwohl seine Regierungszeit von Problemen und Katastrophen überschattet war (wiederholte Einfälle der barbarischen Markomannen, Tiberüberschwemmungen, Pest - dieser sollte der Kaiser schließlich selbst, als er zu Wien weilte - zum Opfer fallen), galt er als einer der vorbildlichen Kaiser und war wegen seiner moderaten und besonnenen Regentschaft in allen Schichten der Bevölkerung äußerst beliebt. (Zu diesem hervorragenden Bild mag auch beigetragen haben, daß sein Nachfolger, sein Sohn Commodus, äußerst berüchtigt war und Marcus im Vergleich mit ihm noch strahlender dastehen mußte.)
Marc Aurel war der philosophischen Richtung der Stoa nahestehend, die (zumindest in römischer Zeit) Pflicht und Aufopferung für die Gemeinschaft sowie für den Staat zu ihren höchsten Maximen erhoben hatte. Diesen ethischen Anforderungen mühte sich Marc Aurel zeitlebens gerecht zu werden, zum Wohle des Staatswesens, er selbst aber schien unter dieser für einen kaum zu tragenden Bürde zu zerbrechen, wie seine "Selbstreflexionen" bezeugen. Seine Aufzeichnungen sind von Schwermut getragen.
Bei diesem Werk handelte es sich eigentlich um ein privates Tagebuch, es war von Marcus nie zur Veröffentlichung oder Weiterverbreitung bestimmt. Durch eine Indiskretion nach seinem Tod haben wir heute noch einen Einblick in die innersten Gedanken eines der bemerkenswertesten Kaiser des Römischen Reiches.


Über die menschliche Vergänglichkeit

Trost angesichts des Todes

Allgemeine Lebensweisheiten




Über die menschliche Vergänglichkeit


8,31: Der Hof des Augustus, sein Weib, seine Tochter, seine Nachkommen und Vorfahren, seine Schwester, Agrippa, seine Verwandten, sein Hausgesinde, seine Freunde, Anus, Mäcenas, Ärzte, Opferpriester, der ganze Hof- tot! Und dann bedenke die anderen Verheerungen - nicht nur den Tod eines einzelnen Menschen - z. B. von Pompeii. Und denk auch über das Wort nach, das man öfter auf Grabmälern liest: "Der Letzte seines Geschlechts"! Welch krampfhafte Anstrengungen haben wohl die Vorfahren dieses Menschen gemacht, damit sie einen Stammhalter hinterließen! Schließlich aber mußte doch einer der Letzte werden. Wieder hier der Tod eines ganzen Geschlechts!

8,37: Sitzen etwa Panthea oder Pergamos auch jetzt noch an der Urne ihres Herrn? Oder Chabrias oder Diotimos an der des Hadrian? Lächerlicher Gedanke! Und wenn sie da säßen, würden es die Verstorbenen merken? Und wenn sie es merkten, würden sie sich darüber freuen? Und wenn sie sich freuten, würden darum jene unsterblich sein? War es nicht so durch das Schicksal bestimmt, daß auch jene zuerst alte Frauen und Männer wurden und dann starben? Was hätten sie daher später tun sollen, wenn diese gestorben waren? Gestank ist all dies und Kot in einem Sack!

4,19: Wer sich um seinen Nachruhm Sorge macht, bedenkt nicht, daß alle Menschen, die sich (nach seinem Tode) noch seiner erinnern, in kürzester Frist selber sterben werden, und dann die, die durch jene von ihm gehört haben, bis die gesamte Erinnerung an ihn erloschen ist, die durch angezündete und wieder erlöschende Lichter (in der Kette der Tradition) ihren Gang nahm. Doch einmal angenommen, daß die Menschen, die sich deiner erinnern, unsterblich und daher das Andenken an dich ewig wäre - was hättest du davon? Davon gar nicht zu reden, daß der Tote nichts davon hat. Doch was hat der Lebende von dem Lob? Abgesehen von einer gewissen mittelbaren Wirkung. Du läßt ja jetzt zur Unzeit die Gabe der Natur unbeachtet, indem du dich darum bekümmerst, was andere später über dich reden werden!

4,33: Ausdrücke, die einst gang und gäbe waren, sind jetzt veraltet. So sind auch die Namen von Männern, die einst weltberühmt waren, jetzt gewissermaßen veraltete Wörter: Camillus, Volesus, Dentatus, bald darauf auch Scipio und Cato, dann auch Augustus, dann Hadrian und Antoninus. Denn alles ist vergänglich; und bald weiß nur noch die Sage davon. Und bald ist es völlig vergessen. Und das sage ich von den Menschen, die sich in staunenerregender Weise vor vielen Tausenden hervorgetan haben. Alle anderen sind ja gleich mit ihrem letzten Seufzer verschwunden, verschollen. Was ist denn überhaupt ein "ewiges Andenken"! Ein leerer Schall! Was gibt es da, worauf man überhaupt ernstes Bemühen verwenden sollte? Nur dies eine: Eine gerechte Gesinnung und Taten der Menschenliebe und eine Rede, die niemals lügt, und eine Gemütsverfassung, die alles, was geschieht, als notwendig, als ganz vertraut, als Ausfluß eines solchen Urgrundes, solchen Urquells begrüßt.

4,48: Immer daran denken, wie viele Ärzte schon gestorben sind, die oft über ihre Kranken die Brauen zusammengezogen haben; wie viele Astrologen, die den Tod anderer als eine große Sache vorausgesagt haben; wie viele Philosophen, die mit wichtiger Miene endlose Reden über Tod oder Unsterblichkeit gehalten haben, wie viele Kriegshelden, die viele Feinde erschlagen haben; wie viele Tyrannen, die ihre Macht über Leben und Tod mit greulicher Überhebung mißbraucht haben, als wenn sie selber unsterblich wären. Und wie viele ganze Städte sind, sozusagen, gestorben: Pompeii und Herculaneum und unzählige andere! Denk auch an die vielen, die du selber noch gekannt hast, wie einer nach dem anderen starb: Der eine, der diesen bestattet hatte, mußte dann selber daran glauben; der andere nach dem Begräbnis eines anderen. Und alles in ganz kurzer Zeit! Überhaupt, die menschlichen Dinge stets als Eintagsdinge betrachten, als Dinge ohne Belang: gestern noch ein bißchen Schleim, und morgen schon Mumie oder Asche! - Diese winzige Spanne Zeit also gemäß der Natur durchwandern und heiteren Gemüts zur Ruhe gehen, wie wenn die Olive, die reif vom Baume fällt, die Mutter Erde priese und dem Baume Dank wüßte, der sie getragen hat.

9.33: Alles was du siehst, wird rasch vergehen, und die Menschen, die es sehen, werden ebenfalls rasch vergehen. Und wer als steinalter Mann abscheidet, der sinkt ebenso ins Grab wie der, der vor seiner Zeit stirbt.

4,41: Ein Seelchen bist du, das einen Leichnam trägt, wie Epiktet sagte.


Trost angesichts des Todes


6,49: Du grämst dich doch nicht darüber, daß du nur sounsoviel Pfund wiegst und nicht dreihundert? Ebensowenig darfst du dich darüber grämen, daß du nur soundso viel Jahre zu leben hast und nicht mehr. Denn wie du mit dem Quantum körperlicher Substanz, das dir beschieden ist, zufrieden bist, so sei es auch mit der dir zugemessenen Zeit.

10,36: Niemand ist so begnadet, daß nicht an seinem Sterbebette einige Leute säßen, die seinen Tod begrüßten. Und wenn er auch klug und tüchtig war, schließlich findet sich doch einer, der bei sich sagt: "Endlich können wir einmal aufatmen von diesem Schulmeister! Er war ja nicht schlimm gegen unsereinen, aber ich merkte doch, daß er uns im stillen verachtete." - So also geht es selbst dem guten Menschen; an uns selber aber - wie viele andere Fehler lassen sich da finden, wegen derer gar mancher von uns befreit zu werden wünschte. Daran denke, wenn du stirbst; dann wirst du leichter scheiden, wenn du bedenkst: "Aus einem solchen Leben nehme ich Abschied, in dem meine eigenen Brüder, eben sie, für die ich so unsäglich gekämpft, gebetet, gesorgt habe, den Wunsch hegen, daß ich mich zurückziehe, weil sie davon irgendeine Erleichterung für sich erhoffen! Wie sollte sich da einer an ein längeres Verweilen hienieden klammern?" - Doch sollst du deswegen nicht weniger wohlgesinnt gegen sie scheiden, sondern dabei deinem eigenen Wesen getreu bleiben: freundlich, wohlgesinnt, gütig und nicht umgekehrt, als ob du mit Gewalt losgerissen würdest; vielmehr, wie sich bei einem, der eines sanften Todes stirbt, die Seele leicht von dem Leibe losmacht, so muß auch dein Abschied von deinen Mitmenschen erfolgen. Hatte dich die Natur doch auch mit ihnen verbunden und vereint! "Aber jetzt trennt sie mich!" Ich trenne mich freilich von ihnen wie von Verwandten, doch nicht mit Widerstreben, sondern ohne jeglichen Zwang, ist doch auch dieser Vorgang gemäß der Natur.

9.3: Verachte nicht den Tod, sondern habe dein Wohlgefallen an ihm, in der Überzeugung, daß auch er zu den Dingen gehört, die die Natur will. Denn ein Vorgang der Art wie Jungsein und Altwerden, Wachsen und Blühen oder wie das Hervorkommen der Zähne, des Bartes, der grauen Haare, das Zeugen, Schwangergehen und Gebären und die übrigen Auswirkungen der Natur sind alles Dinge, die die Jahreszeiten deines Lebens mit sich bringen: solch ein Vorgang ist gerade auch die Auflösung. Es entspricht daher der inneren Einstellung eines denkenden Menschen, daß er dem Tode nicht gleichgültig gegenübersteht, aber auch nicht ungestüm nach ihm verlangt oder ihn geringschätzt; vielmehr muß er auf ihn warten als auf ein Ereignis, das die Natur der Dinge so mit sich bringt. Und wie du jetzt darauf wartest, daß das Kindlein aus dem Leibe deines Weibes herauskommt, so warte der Zeit, in der deine Seele diese Hülle verlassen wird. Wenn du aber auch ein gewöhnliches herzstärkendes Trostmittel wünschest: am gelassensten wirst du dem Tod gegenüber werden, wenn du auf die Dinge blickst, von denen du dich trennen mußt, und wenn du bedenkst, mit was für Charakteren deine Seele dann nicht mehr vermengt sein wird. Denn du darfst an ihnen durchaus keinen Anstoß nehmen, sondern mußt dich ihrer liebevoll annehmen und sie geduldig ertragen, jedoch dabei nicht vergessen, daß dein Abscheiden nicht von Menschen sein wird, die dieselben Grundsätze wie du selber haben. Denn nur das, wenn überhaupt etwas, könnte dich zurückziehen und im Leben festhalten, wenn dir vergönnt wäre, mit Menschen zusammenzuleben, die dieselben Grundsätze haben. Jetzt aber siehst du, wie groß das Elend in dem Mißklang des Zusammenlebens ist, so daß man sagen möchte: "Komm schneller, lieber Tod, damit ich nicht ebenfalls mich selber vergesse!"

10,18: Auf jedes einzelne der vorhandenen Dinge seine Aufmerksamkeit richten und bedenken, daß es bereits in der Auflösung begriffen ist und sich in Umwandlung und gleichsam Fäulnis oder Zerstreuung (seiner Urteilchen) befindet, oder daß ein jedes Ding infolge seiner Naturanlage gewissermaßen zum Sterben bestimmt ist.

11,34: Epiktet sagt, wenn man sein Kind liebkost, muß man bei sich sagen: "Vielleicht bist du morgen schon tot." "Das klingt unheimlich!" "Dabei ist nichts Unheimliches", erwiderte er, "vielmehr deutet es einen natürlichen Vorgang an. Sonst klänge es ja auch unheimlich, daß die Ähren gemäht werden".

12,21: Bedenke, daß du bald niemand und nirgends sein wirst, und ebenso geht es dem, was du jetzt siehst, und ebenso den Menschen, die jetzt leben. Denn alle Dinge müssen sich infolge ihrer Natur wandeln, verändern und untergehen, damit andere danach kommen.

2,14: Und wenn du dreitausend Jahre lebtest oder gar zehnmal so lange, denk trotzdem daran, daß niemand ein anderes Leben verliert als das, was er lebt, und nicht ein anderes lebt als das, was er verliert. Es kommt daher das längste mit dem kürzesten auf dasselbe hinaus. Denn das gegenwärtige ist für alle gleich und das verlorene ist nicht unser eigen, und was wir verlieren, erscheint so nur als ein Moment. Denn niemand kann das vergangene oder das zukünftige (Leben) verlieren. Denn was einer nicht hat, wie könnte ihm das jemand rauben! An diese zwei Wahrheiten muß man also stets denken: Erstens, daß alles von Ewigkeit her in gleicher Weise (geschieht) und sich in bestimmten Perioden wiederholt und daß es keinen Unterschied macht, ob jemand im Laufe von hundert oder zweihundert Jahren oder im Laufe der Ewigkeit dieselben Dinge sieht. Dann aber, daß sowohl der Langlebigste wie der früh Sterbende das Gleiche verliert. Denn nur das Gegenwärtige ist es, wessen er beraubt werden soll, wenn anders er nur dieses hat und man nicht verlieren kann, was man nicht hat.


Allgemeine Lebensweisheiten


4,49: Der Klippe gleich sein, an der sich ständig die Wogen brechen. Sie aber steht unerschüttert, und die sie umtobende See sinkt in Schlummer. "Ich Unglücklicher, daß mir das passieren mußte!" Nicht doch! Vielmehr: "Ich Glücklicher, daß ich unbekümmert bleibe, trotzdem mir das passiert ist!"

7,1: Was ist Schlechtigkeit? Das, was du so oft gesehen hast. Du mußt dir überhaupt bei allem, was geschieht, gegenwärtig halten: "So etwas habe ich ja schon oft gesehen!"

7,24 Ein finsterer Gesichtsausdruck ist durchaus wider die Natur, und wenn er zur Gewohnheit wird, schwindet allmählich das normale Aussehen oder erstirbt schließlich ganz, so daß es überhaupt nicht wiedererweckt werden kann. Eben deshalb versuche zu begreifen, daß er wieder die Vernunft ist. Denn wenn auch das Bewußtsein der Verkehrtheit unseres Handelns schwindet, was gibt es dann noch für einen Grund zu leben?

8,1: Auch das trägt zur Befreiung von eitler Ruhmsucht bei, daß du nicht mehr die Möglichkeit hast, dein ganzes Leben oder doch das von Jugend auf als Philosoph gelebt zu haben; es ist ja vielen andern und auch dir selber längst klar geworden, daß du fern von der Philosophie bist. Du bist also aus der Bahn geraten; daher ist es für dich nicht mehr leicht, den Ruhm eines Philosophen zu erwerben. Es steht damit auch die Grundvoraussetzung (deines Lebens) in Widerspruch. Wenn anders du nun wirklich erkannt hast, wo die Wahrheit liegt, dann laß die Sorge darum, was du scheinen wirst, fahren und sei zufrieden, wenn du den Rest deines Lebens, wie lang oder kurz er auch sein mag, so lebst, wie es deine Natur will. Mach dir daher klar, was sie will, und nichts anderes darf dich davon ablenken. Du hast doch erfahren, auf wieviel Wegen du umhergeirrt bist und doch niemals das rechte Leben gefunden hast: Nicht in der Logik, nicht im Reichtum, nicht im Ruhm, nicht im Sinnengenuß, nirgends! Worin liegt es denn? Darin, daß man das tut, was die Natur des Menschen verlangt. Wie aber soll man das anfangen? Wenn man die rechten Grundsätze hat, aus denen die Triebe und die Handlungen entspringen. Was für Grundsätze? Über Güter und Übel, in der Überzeugung, daß kein Ding ein Gut für den Menschen ist, was ihn nicht gerecht, besonnen, tapfer und frei macht und kein Ding ein Übel, das nicht das Gegenteil der eben genannten Eigenschaften bewirkt.

3,2: Man muß auch Dinge solcher Art beachten wie die Tatsache, daß auch die Erscheinungen, die im Gefolge von Naturvorgängen auftreten, etwas Anmutiges und Reizvolles haben. So z.B. daß, wenn ein Brot gebacken wird, gewisse Teile davon Risse bekommen, und daß diese, die in gewisser Hinsicht im Widerspruch mit dem Vorhaben des Bäckers stehen, in die Augen fallen und in uns eine eigentümliche Lust erwecken, davon zu essen. Auch die Feigen pflegen, wenn sie überreif sind, Risse zu bekommen. Und bei den überreifen Oliven gibt eben ihr Zustand, der nahe an Fäulnis grenzt, der Frucht eine eigentümliche Schönheit. Auch die sieh neigenden Ähren und die runzlige Stirnhaut des Löwen und der aus dem Rachen der Eber fließende Schaum und viele andere Dinge, die, für sich allein betrachtet, weit davon entfernt sind, schön zu sein, tragen, weil sie im Gefolge von Naturvorgängen auftreten, zmn Schmuck der Geschöpfe bei und haben etwas Reizvolles; wenn daher jemand das richtige Gefühl und eine tiefere Einsicht in das Geschehen des Weltganzen hat, dann wird ihm beinah alles auch von den Dingen, die infolge einer Nebenwirkung geschehen, den Eindruck machen, als ob es auf seine besondere Weise zur Freude am Ganzen beitrüge. Ein solcher Mann wird auch die offenen Rachen der Raubtiere mir nicht geringerer Lust betrachten als die, die uns die Maler und bildenden Künstler in Nachahmung der Natur darstellen. Mit seinen keuschen Augen wird er auch die Blüte und Reife der Greisin und des Greises zu sehen vermögen und ebenso den sich an Kindern zeigenden Liebreiz. Und vieles der Art, was nicht jedermann auffällt, wird allein dem offenbar, der mit der Allnatur und ihren Schöpfungen vertraut ist.

4,21: Wenn die Seelen fortleben, wie kann sie denn die Luft von Ewigkeit her fassen? Wie faßt denn die Erde die Körper der Menschen, die seit undenklichen Zeiten begraben sind Denn gerade wie hier nach einer gewissen Zeit die Umwandlung und Auflösung dieser Platz für andere Tote schafft, so wandeln sich auch die in das Luftreich übergegangenen Seelen um, nachdem sie noch eine Zeitlang gedauert haben, verflüchtigen sich und werden zu Feuer, indem sie in die zeugungsfähige Allvernunft wieder zurückgenommen werden; und auf diese Weise machen sie für die nach ihnen kommenden Seelen Platz. Dies könnte man einem antworten, der annimmt, daß die Seelen fortdauern. Man muß aber nicht nur die Menge der auf solche Weise begrabenen menschlichen Körper bedenken, sondern auch die der jeden Tag von uns und den anderen Lebewesen verzehrten Tiere. Denn welch riesige Zahl wird verzehrt und so gleichsam in den Körpern der dadurch ernährten Wesen begraben! Und trotzdem finden sie alle Platz infolge ihrer Umwandlung in Blut oder durch ihre Verwandlung in luftartige oder feurige Substanz.

4,37: Bald klopft der Tod an, und noch immer bist du nicht schlicht und natürlich, nicht seelenruhig, nicht frei vor Angst, durch äußere Dinge geschädigt zu werden, nicht freundlich gegen alle Menschen, und noch immer hast du nicht begriffen, daß Einsicht und gerechtes Handeln ein und dasselbe ist.

5,33: Noch ein Weilchen, und du bist Asche oder eine Mumie und nur noch ein Name oder nicht einmal das; ein Name aber ist ein leerer Schall und Widerhall. Die Dinge aber, die im Leben so hoch gewertet werden, sind nichtig, morsch und belanglos, die Menschen nur Hunde, die sich herumbeißen, und streitsüchtige Kinder, die bald lachen, bald weinen. Aber Treue und Ehrfurcht und Recht und Wahrheit entflohen "zum Olymp von der weitstraßigen Erde"! - Was kann uns da noch hier festhalten, wenn die sichtbaren Dinge in ständigem Wandel begriffen und nicht dauerhaft, unsere Sinne trübe und leicht zu täuschen sind, das Seelchen selbst aber eine Ausdünstung aus dem Blut und es vollkommen wertlos ist, bei Wesen solcher Art in Ansehen zu stehen! Wie soll man sich da stellen? Du mußt guten Mutes auf deine Auflösung oder Übersiedlung warten. Was ziemt uns aber, bis der Zeitpunkt hierfür gekommen ist? Was anders als die Götter zu verehren und zu preisen, den Menschen Gutes zu erweisen und sie zu ertragen oder zu meidenl Alles aber, was im Bereich des elenden Fleisches und Atems ist, das ist - das vergiß nie - weder dein eigen noch in deiner Macht.



Zur Startseite