Konkursmasse

Drei Tage war Tobias krank gewesen. Angefangen hatte es mit Gliederschmerzen und Mattigkeit, dann hatte er schnell Brechdurchfall bekommen und auch bösen Husten. Er hatte unter seiner Achsel 40 Grad Fieber gemessen. Er hatte den Verdacht, daß er sich in der übervollen, von menschlichen Keimen verseuchten U-Bahn angesteckt haben könnte. Solche Vorwürfe erhob er häufig und gern, denn er haßte Menschenansammlungen und mied sie, wo immer er nur konnte. Er hätte die Metro freiwillig ja gar nicht benutzt, sondern wäre lieber zu Fuß heimgelaufen, wenn ihn nicht ein Studienkollege überredet hätte, ihn zu begleiten. Prompt am nächsten Morgen war er dann erkrankt.
Er hatte in den drei Tagen das Bett gehütet. Nur einige Male hatte er sich gequält aufgerichtet, um vormittags die Rolläden hochzuziehen, oder um sich ein wenig zu waschen oder um Tee zu kochen. Er hatte ganz für sich selber sorgen müssen, denn er führte einen Singlehaushalt, und er hatte auch keine Freundin. Freunde hatte er auch nicht sehr viele, deshalb wunderte es ihn nicht, daß ihn keiner besuchen gekommen war und daß in den Tagen seiner Krankheit auch kein einziges Mal das Telefon geklingelt hatte.
Doch heute, an diesem Morgen - wobei "Morgen" für ihn wie immer "Mittag" bedeutete - spürte er zum ersten Mal seit Tagen eine deutliche Besserung. Er konnte aufstehen, ohne daß seine Beine gleich schwach wurden, und er hatte sogar ein bißchen Appetit. Er öffnete das Fenster, um den Mief mehrerer Tage hinauszulassen, und es strömte eine milde, frische Frühlingsluft herein. Er konnte sich nicht erinnern, jemals eine so frische, saubere Luft gerochen zu haben, schon gar nicht hier, mitten in der Großstadt. Der Himmel war tiefblau und wolkenlos. "Wäre ja ärgerlich, bei diesem schönen Wetter den ganzen Tag im Bett zu vergammeln!" motivierte er sich.
Er mußte auch langsam wieder auf die Beine kommen, denn er hatte am darauffolgenden Tag eine Art "Date" - was selten genug bei ihm vorkam -, dem er schon seit einer Woche im wahrsten Sinn des Wortes entgegengefiebert hatte. Vielleicht hatte ihn ja auch die Nervosität krank gemacht, er hatte eine sehr empfindliche Gesundheit. Er war mit ihr zu einem "White Stripes"-Konzert verabredet. In der Regel hörte er ja düsterere Musik - er kleidete sich auch dementsprechend - und die vielen Menschen bei Konzerten beunruhigten ihn sowieso, aber was tue man nicht alles für die Frauen? "Susanne" hieß sie übrigens.
Er dachte sich, es würde ihm bestimmt guttun, ein bißchen spazierenzugehen. Allerdings ging er viel lieber abends spazieren, wenn es stiller war auf den Straßen, und so beschloß er, diese gute Idee auch für die Abendstunden aufzusparen.
Also hörte er zunächst Musik, um sich auf das Konzert einzustimmen und zwar in einer solchen Lautstärke, daß er sich wunderte, daß die ständig nörgelnde Frau Kirch, die unter ihm wohnte, der alte, fette Drachen, nicht schon längst mit dem Besenstil an die Decke geklopft hatte. "Naja", dachte er sich vergnügt, "vielleicht hat sie sich ja an einem ihrer kalorienschweren Sahnetörtchen erstickt".
Als die allgemeinübliche Mittagsruhe vorbei war, schaltete er die Stereoanlage ab. Zunächst überlegte er, ob er fernsehen sollte, doch dann nahm er lieber ein Buch zur Hand. Er las sowieso viel lieber, als daß er in die bunte Kiste starrte.
Es war ein Grundriß der antiken Philosophie. Er war gerade beim Kapitel über die Stoiker angelangt. "Paare dich mit den Toten!" hatte das Orakel dem Zenon, dem Gründer dieser Philosophenschule, befohlen. Zunächst hatte Zenon geglaubt, er müsse sich das Leben nehmen, um dem Orakel gerecht zu werden, oder zumindest wie der Philosoph Menedemos Haus und Hof an die Armen verschenken und nachts auf Friedhöfen in offenstehenden Grabgewölben sein spärliches Obdach beziehen. Doch dann begriff Zenon, daß das Orakel vielmehr gemeint hatte, er solle seinen Trost in Büchern suchen und längst verstorbene Menschen zu ihm sprechen lassen.
Eine solche Flucht erschien Tobias sympathisch. Er las auch gerne, lauschte lieber dem Raunen längst verblichener Geister, als daß er sich in den Wettstreit der Lebenden eingelassen hätte, den ihm stets der zu gewinnen schien, der am meisten, am lautesten und vor allem am dümmsten zu reden wußte. Doch die Bücher, die Toten, sie reden nicht, sie sprechen. Er murmelte zu sich selbst Auswendiggelerntes: "Und wer spricht, Geschwisterkind, der redet zu niemand, der spricht, weil niemand ihn hört, niemand und Niemand, und dann sagt er, er und nicht sein Mund und nicht seine Zunge sagt: Hörst du??"
Er war ein großer Celan-Fan.
Er las weiter und las, daß Zenon sich bei Einladungen gerne ganz an den Rand setzte und dabei sagte: "So kann ich mich wenigstens auf einer Seite allein fühlen."
Zenon erschien ihm so vertraut. Tobias haßte die Menschen nicht, aber sie waren ihm in aller Regel zu anstrengend.
"Wir haben zwei Ohren und einen einzigen Mund, eben deshalb, weil wir mehr zuhören und weniger reden sollten."
Auch dies soll der weise Mann gesagt haben.
Tobias vergaß wie so oft, wenn er eine faszinierende Lektüre in Händen hatte, alles um sich herum, und er merkte erst, als aufgrund der einsetzenden Dämmerung kaum die Buchstaben mehr zu erkennen waren, wie sehr die Zeit schon fortgeschritten war. Er knipste das Licht an. Er übermannte sich, wenn er schon aufgestanden war, die Abschottung seiner Höhle ein wenig zu lockern und die Fenster zu öffnen. Wieder strömte herrlich frische Luft herein. Er ging schon wieder zur Couch zurück, als er plötzlich auf halbem Wege stutzte und stehenblieb. Irgendwas stimmte nicht. Nicht hier im Zimmer, da war alles normal, aber da draußen... Was war anders als sonst?, rätselte er. Dann wurde ihm die kleine Unstimmigkeit bewußt: Es herrschte tiefer Frieden auf den Straßen, ganz still war es, obgleich auf der anderen Seite der kleinen Parkanlage, auf die sein Fenster blickte, eine böse Hauptstraße verlief. War Sonntag? Er hatte ein wenig das Zeitgefühl verloren... Nein, konnte nicht sein, es war Dienstag. Er versicherte sich mit einem Blick auf seine Digitaluhr, die bestätigte ihn in seiner Annahme: Dienstag, 18. April, 20.17 Uhr. Die Sekunden tickten weiter, doch außen wollte sich nichts rühren. Er streckte den Kopf zum Fenster hinaus, aber kein einziges Auto und auch kein Fußgänger war unterwegs.
Eiligst verließ er das Haus um nachzuschauen, was da los war. Sein Ziel war die belebte Geschäftsstraße gegenüber.
Als er den kleinen Park durchquerte, herrschte dort nicht etwa Totenstille - er vernahm vielmehr Vogelgezwitscher. Das hatte er dort noch nie gehört, abgesehen von frühen Sonntagmorgenstunden, zu denen er auch gerne seine einsamen Spaziergänge unternahm.
Als er in jener Hauptstraße anlangte, traf er sie wie ausgestorben an. Keine Autos, keine Menschen. Was war passiert, was hatte er in diesen drei Tagen verschlafen? Er ging zu dem italienischen Restaurant auf der anderen Straßenseite, von dem er sich sonst öfter eine Pizza mit nach Hause nahm und fand es verschlossen vor. Kein Zettel an der Tür kündete etwa von Betriebsferien oder einem Ruhetag. Zu seiner Beruhigung brannte aber hinter vielen Fenstern in der Straße Licht, die Leute mußten also zu Hause sein. Wurde etwa ein wichtiges Länderspiel übertragen? Er wußte es nicht, er war kein Fußballfan.
Er stapfte wieder über die einsame Parkanlage nach Hause. Auch in seinem Haus brannten in mehreren Stockwerken Lichter. Mittlerweile hatte sich die Nacht vollständig über die Stadt gesenkt. Als er wieder in seiner Wohnung war, schaltete er als erstes den Fernseher ein. Er konnte jetzt etwas oberflächliches Geplapper im Hintergrund gebrauchen, diese eisige Stille war selbst ihm unheimlich. Außerdem hoffte er Aufklärung über den seltsamen Zustand zu erhalten. Doch als die Bildröhre seines uralten Fernsehers langsam hell wurde, sah er kein Bild, nur Geflimmer erfüllte den Schirm. Er schaltete angsterfüllt von einem Kanal zum nächsten, aber überall bot sich das gleiche Bild. Er überprüfte, ob das Antennenkabel eingesteckt war, aber technisch war alles in Ordnung. Er wendete sich zu der Stereoanlage, schaltete den Radiotuner ein, und auch dort vernahm er auf allen Frequenzen nur weißes Rauschen. Unlogischerweise vermutete er einen Moment lang, durch seine schlimme Erkältung sei sein Gehör in Mitleidenschaft gezogen worden und legte eine CD ein. Doch Jack White sang vernehmlich "Deaf leaps and the dirty ground..."
Das überstieg seinen Verstand. Er schaute wieder zum Fenster hinaus, aber noch immer wollte draußen kein Leben einziehen. Dann erkannte er seine vorläufig letzte Chance: das Telefon. Er versuchte Leute anzurufen. Er probierte es erst bei seinen Eltern. Er hörte das Freizeichen. "Tuuuut...tuuuut..."
"Geht doch ran, Mama, Dicker, ... geht doch bitte, bitte ran!" rief er verzweifelt.
Er ließ es drei Minuten anläuten, aber keiner hob ab.
Dann versuchte er es bei Freunden, bei Verwandten - nichts. Selbst Susanne versuchte er - nach anfänglichem Zögern - zu erreichen, doch auch das blieb erfolglos: Freizeichen - obwohl die alte Quasselstrippe sonst ständig am telefonieren war.
Zuletzt versuchte er es beim Notruf der Polizei, doch selbst dort ging keiner an den Hörer.
Er konnte sich den Zustand nicht erklären, er glaubte nicht, daß er wahnsinnig geworden war - er hatte sich schon öfter geistig viel instabiler und verwirrter gefühlt als heute und selbst dann hatte er bei weitem keine solch seltsamen Erlebnisse gehabt. Außerdem, wie er einmal gehört hatte, verlieren Verrückte als erstes ihr Zeitgefühl, aber er wußte genau, wie er in der Zeit lag, und alle Uhren in seinem Haushalt bestätigten seine Schätzung.
Aber es mußten doch Leute in seinem Haus sein, er konnte doch nicht allein sein - obwohl er zwar nichts hörte, hatten doch viele Lichter gebrannt! Er stürzte noch einmal das Treppenhaus hinunter, lief auf die gegenüberliegende Straßenseite und sah, daß die Lichter tatsächlich noch alle brannten, die er vorhin beobachtet hatte. Er klingelte bei einem Nachbarn nach dem anderen Sturm, aber keiner tat ihm die Tür auf.
Nun hatte er keine bessere Idee mehr, als ins Bett zu gehen und darauf zu hoffen, daß die Welt bei Tageslicht wieder ganz normal aussähe.
Er hatte freilich noch nie zuvor eine stillere und zugleich eine von größerer Unruhe erfüllte Nacht durchlebt als diese.
Als er morgens aufstand - der Wecker zeigte ungefähr sieben Uhr -, öffnete er als erstes das Fenster: Still! Wieder versuchte er panisch, alle ihm bekannten Leute anzurufen, obwohl er eigentlich schon geahnt hatte, daß dieser neuerliche Versuch erfolglos bleiben würde. Er schaltete den Fernseher ein - Flimmern, das Radio - kein Empfang. Gestern hatte er es nur auf UKW probiert, aber vielleicht, dachte er sich, würde er auf Kurzwelle einen Sender finden könnte. Brüssel, Paris, London, Moskau ... nichts.
Nachdem er einen schnellen Bissen hinuntergewürgt hatte, eilte er wieder ins Freie. Auch jetzt, bei hellichtem Tage, war niemand auf den Straßen unterwegs, das war fast noch gespenstischer. Die Autos standen alle sauber abgestellt am Straßenrand, eine Massenflucht konnte es nicht gegeben haben, denn wie so oft entdeckte er in seiner Straße keine Parklücke.
"Mein Gott, habe ich den Abwurf einer Neutronenbombe verschlafen?" dachte er sich und schauderte sogleich vor dem Gedanken.
Was ihn aber noch mehr entsetzte, war die Beobachtung, daß in den Wohnungen, hinter deren Fenstern er am Vorabend Licht beobachtet hatte, die Lampen immer noch brannten. Er stieg in sein Auto mit dem Plan, durch die Stadt zu fahren. Irgendwo mußte sich doch noch Leben rühren. Es sprang, ohne sich zu widersetzen, an, was bei dem alten Karren gar nicht selbstverständlich war. Aber wohin er auch fuhr, überall, selbst am Bahnhofsplatz, bot sich ihm das gleiche, leblose Bild. Weit sollte er aber nicht kommen, denn er stellte mit einem Blick auf die Benzinuhr fest, daß er nur noch wenig Sprit hatte. Er steuerte eine Tankstelle an, aber auch sie war verlassen und die Zapfsäulen waren nicht in Betrieb. So fuhr er lieber wieder nach Hause, weil er sich das wenige Benzin für Notfälle aufsparen wollte. Daheim drehte er die Stereoanlage bis zum Anschlag auf, um sich etwas abzureagieren und weil er insgeheim sehnlichst hoffte, es möge sich doch jemand von den Hausbewohnern beschweren und einen möglichst großen Aufstand bauen. Aber nichts! Ja lagen sie denn alle tot in ihren Wohnungen? Auf der anderen Seite fand er es ganz angenehm, einmal auf keinen Menschen Rücksicht nehmen zu müssen, nicht, wie sonst so oft, zurückstecken und sich schlechtes Gewissen bereiten zu müssen... sich in sein Schneckenhaus zurückziehen zu müssen bis zur totalen Verkümmerung und Erstickung. So dröhnte seine Bude bis zum Abend.
Aber er hatte das Konzert und das Treffen mit Susanne an diesem Abend nicht vergessen. Er dachte, vielleicht wollte ein gütiger Gott - und hier handelte es sich ja irgendwie um ein existentielles Ereignis - daß die Welt Susanne und ihm fortan allein gehören und kein Konkurrent und kein eifersüchtiger Zweifel ihre Zweisamkeit länger stören können sollte. Deshalb putzte er sich heraus, so gut es ging, und machte sich mit banger Erwartung auf den Weg zur Stadthalle. Doch seine vorsichtigen Hoffnungen blieben abermals betrogen: Gähnende Leere herrschte auf dem großen Platz vor der Halle, während die Sonne hinter den Baumwipfeln des gegenüberliegenden Parks allmählich hinabsank. Keine White Stripes, keine Fans, keine Susanne. Zwei Stunden wartete er auf dem menschenverlassenen Platz auf sie, trat verzweifelt gegen einige leere Bierdosen, die wohl noch von einem früheren Konzert auf dem grauen Asphalt herumlagen, bis er endlich beschloß, den gespenstischen Ort zu verlassen. Auf seinem Heimweg, der zunächst durch ein ausgedehntes Parkareal führte, schauderte ihn mehrmals. Hinter manchem Busch hörte er es rascheln, manchmal glaubte er in der Ferne gar irrlichternde Erscheinungen zu erblicken, aber es war wohl doch nichts. Wahrscheinlich, dachte er, spielte ihm seine Phantasie und seine Angst manchen Streich. Die Geräusche in den Büschen mochte er sich eingebildet haben, oder es waren Tiere. Denn Tiere gab es noch genug. Früher waren sie ihm nur nicht so aufgefallen.
Das letzte Stück seines Weges mußte er wieder durch Häuserzeilen marschieren. Erneut waren viele Fenster hell erleuchtet, als seien die Menschen gerade erst von der Arbeit nach Hause gekommen und hätten in allen Zimmern gleichzeitig Licht angemacht, im Schlafzimmer, um sich in bequemere Klamotten zu werfen, in der Küche, wo der Partner bereits kochte und im Wohnzimmer, wo die Kinder vor dem Vorabendprogramm saßen. Doch er ahnte, daß es nicht so sein konnte, es war ja auch schon kurz vor Mitternacht.
Auch am nächsten Morgen öffnete er wiederum das Fenster und ... Stille, nur Stille. Naja, Tauben gurrten. Beim Blick in den Kühlschrank bemerkte er, daß seine Nahrungsmittelvorräte allmählich zur Neige gingen. Wovon sollte er leben, wenn er nichts einkaufen konnte? Mitten in der Zivilisation lebend war er doch notgedrungen irgendwie von der menschlichen Gesellschaft abhängig? Wiederum unternahm er Spaziergänge, er ging, obwohl er nicht besonders gläubig war, zur Kirche. Ihr Turm schlug immerhin noch die Stunden an, das war das einzige Geräusch, das er in den Nächten hörte. Er bebte, als er sich dem Eingang näherte, er sah sehr verschlossen aus. Er rüttelte an der Kirchentür, doch sie wies ihn zurück, sie war tatsächlich fest verriegelt. Die Kirche seiner eigenen Gemeinde war nicht die einzige, bei der er sein Glück versuchte. Doch auch die Kirchen der menschenleeren Innenstadt, Sankt Laurentius, Sankt Thomas, Unserer lieben Frau - alle waren sie geschlossen. Enttäuscht zog er ab, wobei er feststellte, daß die Atmosphäre der stillen Altstadt nicht nur etwas Bedrückendes, sondern auch etwas seltsam Beruhigendes, Romantisches hatte.
Auf dem Heimweg kam er an einigen Lebensmittelläden vorbei, sogar an einem Delikatessgeschäft, und bei dem Anblick der leckeren Auslage lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Aber er konnte sie sich nicht kaufen, selbst wenn sein Geld dazu gereicht hätte. "Und da haben sich vorher welche über die zu kurzen Ladensöffnungszeiten beschwert", dachte er sich mit einer Mischung aus Ironie und Bitternis.
Aber er brauchte doch was zu essen! Als er schon fast zuhause war, führte sein Weg an einer Aldi-Filiale vorbei. Da kam ihm eine verzweifelte Idee: Der Mensch braucht Nahrung. Punkt. Wenn alle Geschäfte geschlossen haben und ich nichts mehr zu essen, habe ich dann nicht das Recht, einen Laden aufzubrechen und mir zu nehmen, was ich zum Überleben benötige? Er konnte nichts Falsches an diesem Gedankengang erkennen. "Geschleckt ist nicht gestohlen", sagte er sich, ein Spruch, den er von seiner Großmutter gelernt hatte. Er eilte nach Hause, um einen riesigen, alten Hammer aus dem Keller zu holen. Mit dem schlug er die Scheiben des Discounters ein. Es ging leichter, als er dachte. Ordentlich nahm er sich einen Einkaufswagen und legte die Dinge hinein, die er dringend benötigte. Nicht nur Essen, auch Toilettenpapier und Zahnpasta gingen bei ihm daheim langsam zur Neige. Zunächst fürchtete er, jeden Moment Polizeisirenen hören zu müssen, weil er vielleicht eine verborgene Alarmanlage durch seinen Einbruch ausgelöst hatte. Aber diese Sorge - oder Hoffnung - zertreute sich rasch. Draußen blieb es weiterhin grausam still. Als er den bescheidenen Inhalt seines Wägelchens überblickte, billige Milfina-Milchprodukte, eine Flasche zur Not trinkbaren Rotweines Marke "Navarra" und Sonnenblumenmargarine "Bellasan" - die Weltmarke schlechthin, überlegte er sich, ob er sich nicht zum Trost heute ein bißchen was Feineres gönnen sollte als gewöhnlich - Forellenfilets vielleicht oder gar Lachs? Diesem Gedanken konnte er nicht widerstehen, sogleich landete der Lachs im Wagen und einige andere, etwas edlere Dinge, die die Kette zu bieten hatte. Der Navarra flog wieder raus und der Burlwood kam rein.
Als er den Wagen an der verwaisten Kasse vorbeischob, haderte er lange, ob er auf dem Laufband nicht den entsprechenden Betrag hinterlegen sollte - er war ein grundanständiger Mensch. Aber soviel Geld hatte er gar nicht dabei, von dem Geld für die zerbrochene Scheibe ganz zu schweigen, die wahrscheinlich mit Abstand den teuersten Posten gebildet hätte. Andererseits konnte er auch kein Geld vom Geldautomaten holen, denn seine Kreditkarte war dummerweise vor zwei Wochen kaputtgegangen und an den Schalter zu gehen - na das ging ja nicht nach Lage der Dinge. Und so schob er diese albernen Überlegungen beiseite und zog mit mehreren prallgefüllten, bunten Alditüten durch die gottverlassenen Straßen heimwärts.
Als er nach Hause kam, erschrak er zunächst ein bißchen. Sein Anrufbeantworter zeigte in leuchtender, roter Schrift "17 Nachrichten" an. Er glaubte jedoch, daß seit gut einer Woche nur 16 Nachrichten gespeichert waren, sicher war er sich allerdings nicht. Dieser Gedanke war sowieso töricht, wer sollte probiert haben, ihn anzurufen? Seine Vermutung, daß er sich getäuscht habe, wurde bestätigt, als er das Band abgehört hatte. Nichts Neues war drauf, so blieb diese Hoffnung also auch vergebens. Frustriert stöpselte er den Anrufbeantworter ganz aus. Er brauchte sowieso keinen Anrufbeantworter. 16 Nachrichten waren auch nur deshalb zusammengekommen, weil er eingegangene Nachrichten kaum jemals löschte, wie ja grundsätzlich diejenigen Leute, die fast nie einer anruft, immer schier astronomisch hohe Zahlen von gespeicherten Nachrichten auf dem Display zu stehen bekommen, und zwar teils aus kindischer Habgier an fremden Stimmen, teils weil sie nicht fürchten müssen, daß ihnen überraschend der Speicher volläuft.
Das Essen ließ er sich dennoch schmecken. Der "Graved Lachs" war wirklich fein, warum hatte er sich den früher nicht öfters geleistet? Ach ja, weil sein schmaler Geldbeutel meist nicht mithalten konnte mit den finanziell Stärkeren, fiel ihm ein, wie er ohnehin oft und oft das Gefühl gehabt hatte, daß er nicht mithalten konnte im harten Konkurrenzkampf des Lebens. Nach der überraschend üppigen Mahlzeit beschloß er, der mysteriösen Sache mit den brennenden Lichtern auf den Grund zu gehen. Vielleicht lagen die Menschen ja krank in ihren Wohnungen und er konnte noch helfen? Als es schon dunkel war, zog er mit seinem Hammer los. Er hielt Ausschau nach beleuchteten Parterrewohnungen, in die sich leicht einsteigen ließe. Einige Häuser weiter wurde er fündig, alle Zimmer der Wohnung waren beleuchtet wie bei einem Parkfest. Er schaute vorsichtshalber erst einmal von außen in die Wohnung hinein, konnte von hier allerdings keine Spuren menschlichen Lebens entdecken. Dann holte er weit aus und zerschlug unter ohrenbetäubendem Klirren die Fensterscheibe. Den Krach mußte man vor dem Hintergrund dieser Stille im ganzen Viertel gehört haben. Er blickte sich erschrocken um, ob sich nicht zahllose gegenüberliegende Fenster öffneten und neugierige Hausfrauen ihre Köpfe herausstreckten. Aber kein einziges Fenster tat sich auf, was er ja an sich wußte - aber der Mensch besteht eben hauptsächlich aus Reflexen. Da es sich also dergestalt verhielt und alles ruhig blieb, stieg er in die aufgebrochene Wohnung ein. Er befand sich offenkundig im Schlafzimmer, es mußten den Klamotten zufolge junge, alternative Leute hier leben. Im übrigen zeigte es sich nicht besonders aufgeräumt, einige Damenunterhöschen und Socken lagen verstreut auf den Betten herum. Doch von den Bewohnern selbst gab es hier keine Spur. Er öffnete die Tür zum Korridor und eilte zuerst in die ebenfalls beleuchtete Küche. Ein Topf mit Spaghettis stand auf dem Herd, der aber abgeschaltet war, die Spüle war mit schmutzigem Geschirr gefüllt. Im Wohnzimmer war säuberlich für zwei Personen gedeckt. Doch die Bewohner fand er auch dort nicht vor, ebensowenig im Badezimmer, womit er alle Räume durchsucht hatte. Bevor er ging, konnte er sich nicht zurückhalten, wenigstens den Kühlschrank zu öffnen, er hatte bei seinem Abenteuer Hunger bekommen. Einige Cabanossis stibitzte er sich. Er löschte alle Lichter und verließ dann die Wohnung durch die normale Wohnungstür. In dem Hausgang stand ein Kinderwagen abgestellt. Der wird wohl auch allmählich verstauben, schlechte Zeiten für Nachwuchs, dachte er sich. Die Haustür fand er unverschlossen vor, und er trat wieder auf die nächtliche Straße hinaus.
Um keine Möglichkeit auszuschließen, brach er in dieser Nacht noch in zwei weitere Wohnungen ein, doch auch diese fand er von jeder Menschenseele verlassen vor. Auf dem Heimweg überlegte er sich, wie lange er unter diesen Umständen wohl überleben könnte, wenn nicht doch noch Menschen auftauchen sollten. Die grundlegenden Nahrungsmittel in den Supermärkten waren sicher einige Jahre haltbar, Konserven und dergleichen. Aber womit sollte er zum Beispiel seinen Vitaminbedarf decken? Das Obst und Gemüse dürfte in einer guten Woche verschimmelt in den Regalen liegen und auch seine Tiefkühltruhe war in ihrem Fassungsvermögen recht begrenzt und keine Lösung auf Dauer. Äpfel hielten vielleicht etwas länger, aber auch kaum mehr als einige Monate. Da erinnerte er sich, einmal gelesen zu haben, daß der englische Entdecker Captain Cook seine Besatzung auf den monatelangen Seefahrten mit deutschem Sauerkraut aus dem Faß versorgte, was diese zwar nur unter größten Protesten zu sich nahmen, aber womit er den Ausbruch der gefürchteten Mangelkrankheit Skorbut auf den Schiffen verhindern konnte. Tobias stieß dieser Gedanke ab, denn er mochte kein Kraut, aber eingedostes Sauerkraut könnte ihn vielleicht ein paar Jahre durchbringen. Doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, er hatte sich wirklich zu sehr an die Zivilisation gewöhnt - er könnte doch Obstbäume abernten, in Nachbars Garten steigen und keiner würde ihn daran hindern können. Die Früchte des Waldes, der Felder, der Gärten, alles gehörte ihm, konkurrenzlos ihm. Er müßte halt bloß Vegetarier werden, kein Problem. Mit diesem beruhigenden Gedanken, daß zumindest seine Grundbedürfnisse gedeckt wären, fiel er erschöpft ins Bett.
Am nächsten Morgen verspeiste er den Rest von dem Lachs und preßte sich die frischen Orangen, die er bei Aldi erbeutet hatte - sonst hatte er sich meist nur reichlich gesüßten Orangennektar geleistet - und dabei kam ihm ein neuer, guter Einfall: Er könnte von anderen Autos Benzin abzapfen und dieses in den Tank seines eigenen Autos füllen und dann eine kleine Spritztour unternehmen. Diesen Gedanken setzte er sogleich in die Tat um. Mithilfe eines Blasebalgs, den er am Dachboden wußte, und eines dünnen Schlauchs bastelte er eine Apparatur, die den gewünschten Zweck wohl erfüllen mochte. Er stellte zu seinem Erstaunen fest, in der Not recht erfinderisch und handwerklich gar nicht so ungeschickt zu sein, wenn ihm keiner skeptisch und besserwisserisch über die Schultern schaute (s.Anm.). Mit dieser Apparatur und einigem Werkzeug trat er auf die Straße - es herrschte wieder schönster Sonnenschein und die Luft war herrlich rein und unverbraucht - und suchte sich ein Fahrzeug mit einem möglichst großen Tank. Dieses glaubte er in einem dicken Benz, der einige Meter von seinem eigenem Auto entfernt abgestellt war, gefunden zu haben. Das fremde Tankschloß zu knacken war gar nicht so schwer, wie er es sich vorgestellt hatte. Nach einer etwas mühseligen Umfüllaktion in mehreren Etappen hatte er seinen Tank etwa zur Hälfte gefüllt, die Apperatur packte er vorsichtshalber in den Kofferraum, falls er auf der Strecke einmal "nachtanken" müßte. Dann startete er zu einem kleinen Ausflug aufs Land. Es war herrlich, bei dem schönen Wetter durch die Natur zu fahren, während die Landstraße ihm ganz allein gehörte. Wenn er lustig war, gab er rasant Gas und achtete auf keine Geschwindigkeitsbeschränkung, wenn er die Landschaft beschauen wollte, fuhr er dagegen sehr langsam, ohne daß ihn ein eiliger Drängler dabei stören konnte. Er bewunderte die frischen, saftigen Frühlingswiesen und irgendwann hielt er an, um sich ein bißchen in die Sonne zu legen. Er zog sich dabei völlig nackt aus, was er früher aus Schamgefühl, selbst wenn er sich unbeobachtet geglaubt hatte, in jedem Fall vermieden haben würde.
Nach einem Stündchen Erholung brach er sich wieder auf und fuhr weiter. Seine Fahrt führte ihn durch ein beschauliches Dorf, in dem es allerdings nicht ganz so ruhig zuging. Indes waren es keine menschlichen Laute, die er durch die geöffneten Autofenster hörte, sondern Tiere. Er hielt an und stellte fest, daß das Brüllen aus einem Stall kam. Er brach die Tür zu dem Stall auf und schätzungsweise fünfzig Kühe erzeugten darin ein erbärmliches Geschrei, weil sie unbedingt hätten gemolken werden müssen. Er hätte den Tieren gerne geholfen, doch das konnte er nicht, er hatte noch nie gemolken. Wievielen armseligen Kreaturen andernorts müßte es zur Stunde genauso ergehen, dachte er voller Mitleid. Hier konnte er nicht helfen, und betrübt ging er weiter durch das Dorf. In einem anderen Stall fand er Schweine vor, die vor Hunger und Durst quiekten. Wenigstens sie wollte er von ihrer Qual befreien und er öffnete ihre Pferche. Fast wie in einer Stampede brachen sie aus dem Stall ins Freie. Er hoffte, daß sie vielleicht im Wald etwas Eßbares finden würden, schließlich seien Schweine ja Allesfresser. Auf einem anderen Hof fand er einen Hund vor, der an einer Kette angeleint war und ganz jämmerlich und herzergreifend um Hilfe bellte. Der Münsterländer blickte ihm mit seinen leidenden, treuherzigen Hundeaugen so eindringlich an, daß Tobias jede Furcht vor der bedauernswerten Kreatur verlor und ihm seinen Proviant und ein Schälchen Wasser darreichte. Überstürzt schlürfte das ausgetrocknete Tier das Wasser, für das Fressen interessierte er sich zunächst gar nicht. Danach blickte er dankbar zu Tobias hinauf. Der beschloß, den armen Kerl zu sich zu nehmen. Schließlich waren sie beide allein, könnten sie nicht beide einen Gefährten brauchen? Er taufte ihn spontan "Argos", nach dem Hund des Odysseus, belesen war er ja, der seinen alten Herrn als einziger erkannt hatte, als der von vielen Qualen gezeichnete und obendrein als Bettler verkleidete Held nach vielen Jahren Irrfahrt nach Ithaka heimgekehrt war. Die Menschen forderten von Odysseus kleinliche Beweise für seine Identität, der alte, treue Argos dagegen störte sich nicht an den Äußerlichkeiten und rannte Odysseus schwanzwedelnd entgegen und starb sogleich vor Freude in den Armen seines Herrn.
Auf der Heimfahrt kam Tobias eine weitere Idee: Vielleicht müßte er gar nicht Vegetarier werden. Er könnte auf die Jagd gehen. Wenn es ihm gelänge, in ein Jagdgeschäft einzudringen oder zumindest einen Waffenschrank im Haus eines Jägers ausfindig zu machen, sollte seiner Karriere als Freischütz nichts im Wege stehen. Vielleicht könnte ihm sein neuer Freund Argos dabei sogar helfen. Nach einiger Zeit müßte er wahrscheinlich gar nicht mehr in den Wald hinausfahren, weil die Wildtiere bestimmt in die verlassene Stadt vorrücken würden. Er könnte seinen Balkon als Hochstand benutzen und sich frühmorgens nach den Rehen und Hirschen in seinem Park auf die Lauer legen. Waidmannsheil! Allerdings hatte er schon wieder Hunger und wieder nichts zu essen daheim. Ihn verwunderte sein plötzlicher Appetit, früher waren ihm seine Unsicherheit und der ganze Streß mit der Menschheit oft auf den Magen geschlagen.
Sie mußten also noch "einkaufen" gehen. Diesmal sollte es nicht der Aldi sein, er erinnerte sich an das Delikatessgeschäft. Beherzt zertrümmerte er die Scheibe und nahm nur das Beste mit: Gänseleberpasteten, Parmaschinken, Trüffel, Austern, echten Kaviar. Besonders die Austern mußten weg, die vergammelten hier ja nur.
Als er wieder daheim war, tafelte er wie ein König. Selbst Argos bekam nur Delikatessen zu fressen, und er schlabberte vergnügt.
Am nächsten Tag ging es Tobias dann nicht so gut. Am Frühstückstisch, im Anblick der Köstlichkeiten, war ihm auf einmal der Appetit vergangen und schlechtes Gewissen machte sich angesichts seiner Tafelfreuden in ihm breit. Er mußte an das Schicksal der Menschen denken, die ihm nahegestanden hatten und die er lieb gehabt hatte. Was war mit seinen guten Eltern geschehen? An welchem Ort waren seine Freunde? An einem besseren? Und wo war Susanne? Er verstand das alles nicht. Gleich am Morgen fuhr er los, um die Wohnung seiner Eltern aufzusuchen. Dort brauchte er nicht einzubrechen, denn er besaß einen Zweitschlüssel. Aber zu seiner Enttäuschung fand er auch die Wohnung seiner Eltern leer und verlassen vor. Früher, als er noch ein Kind war, hatten sie ihm immer einen Zettel auf dem Küchentisch hinterlassen, wenn sie überraschend weggegangen waren. Doch der Tisch war leer. Er öffnete das Wohnzimmerregal, wo er wußte, daß Familienfotos aufbewahrt wurden. Er suchte sich einige schöne Bilder von seiner Mama und seinem Papa heraus und steckte sie weinend in seinen Geldbeutel. Deprimiert trat er die Heimfahrt an. Argos, der am Beifahrersitz lag, spürte, daß sein Herr traurig war und winselte ebenfalls. Tobias kraulte seinen Schicksalsgenossen gedankenverloren hinter den Öhrchen. Über einsame, verlassene Straßen fuhren sie quer durch die Stadt zurück.
Am späten Nachmittag kamen sie in seiner Wohnung an. Er richtete den Freßnapf für Argos und dachte über die letzten Tage nach. Vor allem versuchte er angestrengt zu rekapitulieren, wann er zuletzt mit Menschen in Kontakt gewesen war und versuchte sich zu erinnern, ob er etwas Besonderes in den Tagen seiner Krankheit, an denen ja irgendwann die eigentümliche Transformation stattgefunden haben mußte, bemerkt hatte.
Genau eine Woche war es her, als er mit der besagten U-Bahn und seinem Bekannten von der Universität heimgefahren war. Bevor er nach Hause ging, hatte er noch bei einem türkischen Gemüsehändler etwas Obst eingekauft. Der Türke dürfte der letzte Mensch gewesen sein, mit dem er von Angesicht zu Angesicht gesprochen hatte. Er konnte sich schon gar nicht mehr vorstellen, wie das sei, mit einem Menschen zu sprechen, einem echten Menschen. Später hatte er dann noch seinen alten Freund Martin angerufen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Das Gespräch war nur kurz und belangslos gewesen, Martin hatte erzählt, daß er Streß in seinem Job habe und am Abend mit seiner Freundin gut essen gehen wolle. Anschließend hatte Tobias die Tagesschau angeschaut: Tarifverhandlungen, höhere Arbeitslosenzahlen, Unruhen im Nahen Osten, nichts besonderes also, jedenfalls nichts, was die unmittelbar folgenden Veränderungen angekündigt hätte. Er hatte noch ein wenig gelesen und war an dem Tag, es war ein Freitag, verhältnismäßig früh schlafen gegangen. Ein Tag von erschreckender Banalalität also, wenn nicht... An die Tage, an denen er im Bett gelegen hatte, und während denen die furchtbare Veränderung sich ereignet haben mußte, konnte er sich kaum exakt erinnern, vielleicht auch deshalb, weil ja für ihn nichts Aufregendes passiert war. Er war halt krank und lag im Bett.
Er stellte verschiedenartigste Spekulationen an: In den Geschäften lagen noch die Samstagszeitungen. Der "Sonntags-Blitz" dagegen, die kostenlose Werbezeitschrift, steckte nicht in seinem Briefkasten. Also mußte die Veränderung irgendwann zwischen Samstagvormittag und Sonntagmorgen eingetreten sein. Eher Abends, weil ja die Lichter in den Wohnungen brannten. Aber was nutzte ihm diese Erkenntnis? Sein Denken drehte sich bald im Kreis und führte zu keiner Lösung. Er nahm ein philosophisches Buch sowie die Bibel zur Hand. Vielleicht fände er ja zumindest in einem von beiden Trost, hoffte er.
Er öffnete eine Flasche Brunello, lehnte sich auf sein Sofa zurück, legte die Füße auf den Tisch und begann zu lesen. Er las die Offenbarung des Johannes, weil er vergleichen wollte, ob die in der Apokalypse angekündigten Ereignisse mit den von ihm beobachteten Zuständen irgendeine Ähnlichkeit hätten. Doch da war viel von Feuer die Rede, von Drachen und untergehenden Städten. Nichtsdergleichen hatte er beobachtet.
Plötzlich schrak er auf, wie er es in seinem ganzen Leben noch nicht getan hatte: Das Telefon klingelte! Wer oder was konnte das sein? Sofort lief er zum Fenster um nachzuschauen, ob sich die Lage draußen etwa wieder normalisiert hatte. Aber das war keineswegs der Fall, der Park und die Hauptstraße und die ganze Umgebung lagen so still und so ausgestorben wie zuvor. Nur die gewohnten, trügenderischen Lichter in den Fenstern brannten. Und das Telefon klingelte.
Es durfte gegen halb neun sein. Er schreckte davor zurück, den Hörer abzunehmen. Was konnte da nur dran sein? Ein Mensch? Argos war ganz außer sich und bellte wie ein Wahnsinniger. Es könnte auch der Schnitter sein, fürchtete er, der ihn vergessen hatte mitzunehmen, und der jetzt seine Listen durchging und nachprüfte, ob er noch daheim sei. Er konnte nichts ausschließen, er wußte ja nicht im Geringsten, was vor ein paar Tagen passiert war. Tod, Teufel, Aliens, all die üblichen Verdächtigen kamen ihm in den Sinn. Sein Blick fiel abwechselnd zum Telefon und dann wieder auf die ausgestorbenen Straßen, und er wußte nicht, was er tun sollte. Wer oder was konnte das sein?
Und wenn es seine Eltern waren, oder gar Susanne, die ihn von weit, von sehr weit her erreichen wollten? War es ein Anruf aus dem Jenseits? Aus einer anderen Dimension? Oder aber machte sich vielleicht jemand Sorgen um ihn? Mehrmals hatte er schon das Plastik des Hörers berührt und dann zog er wieder entsetzt die Hand zurück. Er hatte erbärmliche Angst vor dem Moment, wenn er die Muschel ans Ohr hielt, Angst vor dem, was er hören könnte, Angst vor der Stimme. Ein einziger Griff hätte vielleicht über alles Gewißheit gebracht. Diese Versuchung war groß, doch die Furcht und die Abscheu vor dem Unvorstellbaren überwältigten ihn letztlich. Das Telefon klingelte penetrant, mindestens fünfzehn Minuten lang. Aber nein, er würde nicht rangehen. Endlich verstummte es.
Auch der Hund wurde allmählich leiser, aber das arme Tier zitterte am ganzen Körper. Tobias tat es nicht minder. Diesen Schock konnte er nicht so schnell verarbeiten, und ihm fiel nichts Besseres ein, als sich ins Bett zu legen und seinen verängstigten Gefährten nahm er mit. Sie kuschelten sich aneinander und irgendwie fanden sie sogar zu etwas Schlaf.
Am nächsten Morgen blickte er in den Spiegel und er sah einfach furchtbar aus, aber das war ja kein Wunder. Dabei verwunderte ihn, daß ihn auf einmal ein Anruf ungewöhnlicher vorkam, als das Anhalten des mysteriösen Zustands da draußen. Das schöne Wetter wirkte sich allerdings positiv aus auf seinen Gemütszustand aus, obgleich es im grotesken Kontrast zu dem Unglück stand, das sich ereignet haben mußte. Später führte er den Hund Gassi und sie spazierten einmal mehr durch die verwunschenen Straßen. Ihr Ziel war wieder einmal das Delikatessgeschäft. Er beschloß, so zu leben, als könnte jeder Tag der letzte sein, und vielleicht war er es ja auch. Als sie dort eindrangen, hechelte Argos und ließ die Zunge sabbernd heraushängen, Tobias benahm sich ein wenig vornehmer und griff wählerisch in die Regale. Außerdem verschaffte sich Tobias zu einem großen Buchladen Zutritt und deckte sich mit vielen Büchern ein, die er schon immer gerne einmal hatte besitzen wollen. Doch alles zusammen wurde zu schwer, er stellte die Taschen einfach vor dem Geschäft ab und sie holten den Wagen. Selbstverständlich lag alles noch so auf der Straße, wie Tobias es vorher abgestellt hatte. Sie fuhren auch noch an einer Tierhandlung vorbei, immer den großen Hammer schwingend, in der Argos ein tolles Hundekörbchen und viele andere schöne Utensilien bekam, über die Hunde sich freuen.
Tobias war zwiegespalten ob dem Verschwinden der Menschen. Er begann sich langsam an diesen Zustand zu gewöhnen, ja ihm positive Seiten abzugewinnen. Auf einmal waren all die Menschenmassen, die ihn immer an die Wand gedrängt hatten, die ihn gehindert hatten, er selbst zu sein, von der Bildfläche verschwunden. So frei, so stark hatte er sich noch nie in seinem Leben gefühlt. Endlich hatte das ständige Hauen und Stechen, bei dem er meist der Unterlegene geblieben war, ein Ende. Es war, als ob seine ganzen Konkurrenten Konkurs angemeldet hätten. Und er konnte triumphieren, er war der Herr über die Konkursmasse.
Gewiß, der Kampf war vorbei, er hatte keine Kontrahenten mehr, aber dafür gab es auch keine weiblichen Wesen mehr, um die der Streit sich gelohnt hätte. Als er darüber nachdachte, kam ihm eine, wie er meinte, blendende Idee. Er steuerte einen Sexshop an. Argos sollte im Auto bleiben, das war nichts für ihn. Als er vor dem Laden stand, schaute er sich verschüchtert wie ein kleines Kind nach allen Seiten um. Normalerweise wäre es ihm viel zu peinlich gewesen, ein solches Geschäft zu betreten. Doch keiner konnte ihn beobachten, und schon klirrte es. Er stieg in den Laden ein - und wahre Wunderdinge taten sich vor seinen Augen auf: Geile Magazine ohne Ende, die er stapelweise ins Auto schleppte, Massen an erotischer Damenunterwäsche, soviel, um darin ertrinken zu können, und vor allem Gummipuppen jeglicher Preisklasse. Manche waren täuschend echt gefertigt und fühlten sich, wenn er darüberstrich, wunderbar weich an. Solche waren ihm als Ersatzbefriedigung in den Sinn gekommen und hier hatte er sie nun tatsächlich gefunden. Schon gut, sie waren keine echten Mädchen, aber dafür zickten sie auch nicht und dafür mußte er um ihre Gunst niemals werben und niemals fürchten. Er räumte fast den ganzen Laden leer, für den armen Argos blieb im Wagen kaum noch Platz.
Mit dieser fetten Beute fuhren sie heimwärts. Nachdem Argos und er gar fein suppiert hatten, machte er sich über die Schundheftchen her und danach pustete er die Puppen auf. Als er schon ganz erregt war - schellte wieder das Telefon. Erschrocken stolperte er über seine künstlichen Damen, Argos lief auch Richtung Telefon und kläffte zornig. Heute hatte er noch weniger Interesse zu erfahren, wer oder was am anderen Ende der Leitung war. Es ging ihm doch nicht schlecht! Er ließ es lange klingeln. Sollte er nicht nach Gewissheit streben und sich seinem Schicksal beugen? Aber nein, selbst wenn er zu der Meinung gekommen wäre, daß es besser für ihn sei, ans Telefon zu gehen, hätte er es aus Furcht nicht geschafft, den Hörer abzunehmen. Er führte den Hund in ein anderes Zimmer und schloß die Tür hinter ihnen beiden zu, miteinander kauerten sie ängstlich auf dem Boden und warteten, bis das Klingeln endlich verstummte. Mit nachdenklicherer, deutlich geringerer Ausgelassenheit widmete er sich für den Rest des Abends seinen Puppen.
Am nächsten Tag verlor Tobias gänzlich alle falschen Hemmungen. Hatte er zunächst immer noch gezögert, in Geschäfte einzubrechen, so ließ er diese Bedenken nun fallen. Er überlegte sich, daß Gesetze nur geschaffen sind, um die Beziehungen zwischen Menschen zu regeln. Da es in dieser Stadt und vielleicht auf der ganzen Welt nun keine Menschen mehr gab außer ihm, dürften die Gesetze wohl hinfällig sein. Wüst plünderte an diesem Tag die renommiertesten Juweliergeschäfte der Innenstadt und behängte sich in geschmackloser Fülle an Armen und Brust mit den Prätiosen. Auch seine Wohnung verwandelte sich nach und nach in ein Museum sündteurer Antiquitäten.
Und so ging es fort: Jeden Abend klingelte das Telefon, das Tobias und Argos zwar nie ganz ohne einen gewissen Schauder, aber doch mit zunehmendem Gleichmut ignorierten. Tagsüber oder auch nachts räumten sie Geschäfte leer. Und nicht nur das: Recht bald begannen Tobias die ordinären, dummen Weiber in den Pornoheften anzuöden und er verschaffte sich einen besseren Kick: Er stieg, das war sein neues Hobby, in Wohnungen ein und suchte gierig nach geilen Privatfotos. Und dabei wurde er zu seiner Freude auch meistens fündig, er entwickelte mit der Zeit ein gutes Gespür für die intimen Verstecke und mußte nicht lange wühlen. Nichts erregte ihn stärker, als in die ganz privaten Schatzkästlein fremder Menschen vorzustoßen. Vor nichts machte er mehr halt. Zunehmend fand er es paradiesisch ohne die Menschen, die ihn, wie er bemerkte, immer nur gestört hatten. "Die Welt gehört dir, ohne deine Mitmenschen!", rief er aus. Er war sich nicht sicher, ob dieser Satz wirklich eine philosophische Komponente hatte, aber es war das Wichtigste und das Beste, was er über die Welt und über seine Existenz und über die Menschheit insgesamt zu sagen wußte. Sein Interesse an Büchern ging mit der Zeit allerdings stark zurück, das lange, trockene Lesen erschien ihm der Anstrengungen nicht mehr wert. Sein Charakter hatte sich längst dynamisch zu verändern begonnen, oder vielleicht brach auch nur etwas aus, was latent längst angelegt gewesen war; fernab der Menschen war er ja auch nicht länger in die ihm zugewiesene soziale Rolle gezwungen. Ob die charakterliche Veränderung zum Guten oder zum Schlechten ausfiel, läßt sich nicht sagen, ist einerlei, weil der Bezugspunkt aller Moral, die Mitmenschen, nicht mehr da waren.
Er benutzte auch nicht mehr seine alte Karre und den komischen Blasebalg zum Umfüllen des Benzins, sondern er hatte längst meisterhaft gelernt, fremde Autos zu knacken. Und mit den teuersten Limousinen brauste er so lange umher, bis der Sprit alle war und dann nahm er sich einfach ein neues Auto. Selbst in die Wohnung Susannes brach er schließlich ein, und dort fand er ebenfalls Urlaubsfotos mit nackten Tatsachen, die ihn am ganzen Leibe zittern ließen! Schließlich nistete er sich sogar in ihrer Wohnung ein, weil ihn dieses Ambiente besonders "inspirierte". Auch dort klingelte jeden Abend das Telefon, ob es allerdings für ihn oder für Susanne gedacht war, wußte er nicht, und er hatte, solange er nicht den Hörer abnahm, was er nicht vorhatte, auch keine Möglichkeit, das herauszufinden. Seine alte Wohnung behielt er allerdings weiterhin zusätzlich, ebenso wie die beiden Villen im Nobelvorort (seinem Argos richtete er eine benachbarte, dritte Villa als Hundehütte ein). Außerdem besaß er ein großes Wochenendhaus auf dem Lande sowie als Sommerresidenz ein Landgut in der ausgestorbenen Toskana mit einem sagenhaften Weinkeller.
Manchmal beneidete er Argos zwar, wenn der in seiner Villa drüben verwilderte, aber äußerst kecke Hundedamen empfing. Doch dann tröstete er sich mit seinen hunderten geilen privaten Videofilmen, die er in fremden Wohnungen aufgestöbert hatte, mit seinen aufblasbaren Damen und mit den plastinierten Frauenkörpern aus Gunther von Hagens Ausstellung, die er extra aus dem verödeten Heidelberg herangekarrt hatte. Und dann war wieder alles gut.

Und wenn sie nicht ans Telefon gegangen sind, dann leben sie noch heute wie die Maden im Speck...



Anm.1: Der geneigte Leser möge sich Tobias einfach als handwerklich und technisch sehr geschickt vorstellen, jedenfalls geschickter als den Autor, und er möge sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie er sich die genaue Funktionsweise dieser Apperatur vorzustellen habe: Der Autor weiß es schlichtweg selber nicht...



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