Das Klassentreffen


"Ein Klassentreffen", dachte sich Tom zunächst, als er die Einladungskarte schief anschaute, "ein Klassentreffen der Grundschulklasse, was für eine seltsame Idee. Und noch dazu im alten Schulhaus!" Aber mehr noch als die Vorstellung, daß sich lauter Dreißigjährige treffen sollten, die seit Jahrzehnten den Kontakt zueinander verloren hatten, wunderte er sich über die Gastgeberin des sonderbaren Budenzaubers. Die Karte schien dem Absender zufolge von seiner damaligen Klassenlehrerin, von Fräulein Prust zu stammen. Das heißt, pardon, von Frau Prust. Sie bestand nämlich vehement und ängstlich auf diesem Attribut - "Fräulein" hatte sie als Herabsetzung ihrer Würde aufgefaßt-, obwohl doch jeder wußte, daß Fräulein Prust, die kurz vor der Pensionierung stand, niemals geheiratet hatte. Die Kinder nannten sie untereinander wie selbstverständlich "Fräulein Prust", und Tom hatte selbst Eltern und Lehrer nie von etwas anderem als von "Fräulein Prust" sprechen hören. Und dieses Fräulein Prust schickte ihm nun eine Einladung zum Klassentreffen, obwohl sie weder seine neue Adresse wissen konnte - denn er stand aus bestimmten Gründen nicht im Telefonbuch - und obwohl sie das bemerkenswerte Handicap hatte, seit vielen Jahren tot zu sein. Und jetzt sollte sie plötzlich mit dem Unfug beginnen, Einladungen zu verschicken und Festivitäten zu schmeißen? Tom vermutete einen makabren Scherz.
In seiner Erinnerung hingegen zeigte sich Fräulein Prust wie eine Lebende, so gegenwärtig war ihr Bild: Immer noch sah er sie mit strengem Blick und einem Stock in der Hand auf ihre Tafelaufschriften weisen, die sie überaus wichtig nahm. Meist trug sie eine grüne Bluse und dazu einen roten Rock oder einen grünen Rock und einen roten Pullover oder eine ähnliche Kombination. Ihre dünnen Beine steckten in klobigen, ockerbraunen Schnürschuhen, die in ihrem orthopädischen Charme eine bedenkliche Fußerkrankung vermuten ließen. Seltsam mädchenhaft wirkten dagegen ihre langen, glatten schwarzen Haare. Manchmal band sie sich die Haarpracht auch mittels eines Haargummis zu einem Zopf zusammen und seltener steckte sie sich die Haare mit Klammern hoch. Seine Eltern lästerten immer ein wenig über ihre äußere Erscheinung, und der Ausspruch "Die Prust stellt sich zusammen wie ein böser Finger" klingt ihm heute noch in den Ohren, vielleicht gerade deshalb, weil seine altmodischen Eltern ansonsten streng bemüht waren, Toms Respekt vor dem Lehrkörper zu fördern.
Fräulein Prust ist nicht sehr alt geworden. Unmittelbar nach ihrer Pensionierung schien ihre Aufgabe auf dieser Welt erfüllt gewesen zu sein. Tom hatte schon als Kind manchmal die bedrückende Ahnung gehabt, etwa wenn sie manchmal in sich versunken schweigend zum Fenster hinausstarrte, daß ein stiller Kummer sie verzehrte. Das hatte ihn allerdings zu keinem Zeitpunkt gehindert, mit seinen Klassenkameraden über die Prust verwegen zu lästern und sie zu ärgern, indem man den Erwachsenen nachplapperte und sie hinter ihrem Rücken etwa halblaut als "alte Jungfer" titulierte, in der vagen Vermutung, daß man jetzt etwas Gemeines gesagt und getan hatte. Jawohl, sie war ja auch wirklich verdammt alt gewesen! Doch trotz ihrer strengen Augenbrauen verhängte Fräulein Prust niemals wirklich harte Strafen. Um den Schein zu wahren, verwies sie manchmal einen allzu frechen Schüler des Klassenzimmers, obwohl das die Bestraften eher als Belohnung sahen und Fräulein Prust wußte das. "Ihr seid doch alle meine lieben Kinder", flehte sie in schwachen Momenten, "warum wollt ihr eure Frau Prust denn ärgern?" Oft fügte sie bei dieser Gelegenheit auch gleich ihr Kredo hinzu: "Ich will euch doch nur beibringen, was ihr im Leben nötig habt!"
Wie schön es doch wäre, dachte sich Tom, wenn ihm die echte Fräun Prust diese Karte hätte schreiben können. Doch das war nicht mehr möglich. Der Absender war unter Garantie gefaked, das stand für Tom fest, nichtsdestotrotz wollte er unter allen Umständen zu dem Treffen gehen und das beträchtliche Risiko einer großen Verarschung auf sich nehmen. Zu gerührt war er von der Vorstellung, an seine sorgenfreie Kindheit anknüpfen zu können und zu überwältigend die Hoffnung, nach so vielen Jahren vielleicht Susanne wiedersehen zu können, die erste Liebe seines Lebens.
Im Schlafzimmer stand ein Regal und im tiefsten Fach wühlte Tom nach Erinnerungsstücken. Er wußte dort die Klassenfotos und das gute, alte Poesiealbum. Er zog es ganz unten heraus aus dem Berg, der sich in Form von Schuljahresberichten, Schulzeitungen, Kollegstufenordnern allmählich darüber aufgestapelt hatte. Das labile Gebilde stürzte augenblicklich in sich zusammen und ergoß sich aus dem Regal. Tom ließ es einfach liegen und wunderte sich, daß er diesen Mist der späteren Jahre nicht schon längst fachgerecht entsorgt hatte. Mit dem Poesiealbum dagegen kuschelte er sich auf's Bett und schlug es genüßlich auf und blätterte darin. "Eigentlich was für Mädchen, so ein Poesiealbum", dachte er sich schmunzelnd, als er die Margeriten auf dem Einband erblickte - und er hätte es dennoch für kein Geld verkauft.
Der erste Eintrag, den er aufschlug, stammte von seinem Schulfreund Ralph, den er als einen der wenigen auch später noch ab und an getroffen hatte. Ralph war einer von den gemütlichen Dicken und bestimmt nicht ohne tiefere psychologische Zusammenhänge ist ausgerechnet Ralph auf die Idee gekommen, seine Seite mit einem kugelrunden Clown zu illustrieren. Ralphs Familie kam aus Berlin und der Text lautete:

"Gibt Dir das Leben einen Puff,
So weine keine Träne.
Lach Dir 'nen Ast und setz Dich druff
und baumle mit die Beene!"

Kein Wunder, dachte sich Tom, mit einer so langmütigen Lebensmaxime muß einer doch dick und fett werden! Lachend blätterte er um. Er stieß auf den Eintrag von Bodo Schneider und erschauderte plötzlich:

"Wechselnde Pfade,
Schatten und Licht,
Alles ist Gnade.
Fürchte Dich nicht!"

Bodo Schneider lebte nicht mehr. Er hatte damals schon an schwerer Mukoviszidose gelitten und bekam im Unterricht immer Anfälle. Tom erinnerte sich an die unglaubliche Fußballbegeisterung des allzu schmächtigen Jungen, was er irgendwie tragisch fand, da Bodo aufgrund seiner schwachen Atmung niemals selber Sport treiben durfte. Trotzdem sammelte er fanatisch Fußballbilder in sein Album und wenn einem der Mitschüler das eine oder andere Bildchen fehlte, dann wußte der, an wen sich zu wenden war. Denn Bodo hatte alle Aufkleber: fast alle drei- oder vierfach. Er mußte auch über ein vielfaches des normalen Taschengelds verfügt haben, wahrscheinlich haben ihm seine Eltern das aus Mitleid zugesteckt. Aber sie hatten ihm doch nichts recht Gutes damit getan, denn das erweckte noch viel mehr Neid und Abneigung vieler Klassenkameraden gegenüber dem kränklichen Außenseiter. Aber Tom hatte Bodo gemocht.
Zwischen zahlreichen eher belanglosen Denkschriften wie "Sei so glücklich und so froh, wie der Mops im Haferstroh" (wörtlich: "vro", "Haafer"!) stieß er schließlich auf den Eintrag seiner Lehrerin. Es war "Hälfte des Lebens":

"Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen."

Tom hatte die Zeilen damals nicht begriffen, nicht einmal die erste Hälfte, geschweige denn die zweite, und Fräulein Prust mußte das wissen. Das Gedicht war damit als ein echtes Vermächtnis geschrieben. Und da die Seite wenig Raum ließ, hatte Fräulein Prust den Text ziemlich quetschen müssen, gerade die letzten Zeilen wurden zum unteren Rand hin immer enger, gedrungener, als ob der Sprecher zum Schluß fast verstummen würde. Nüchtern betrachtet erinnerte die Textgestaltung nur an Fräulein Prusts mit Platz geizende, undurchdachte Tafelbilder, aber Tom spürte jetzt, was für ein drängendes Bedürfnis es seiner Lehrerin gewesen sein mußte, ausgerechnet dieses Gedicht und kein anderes, kürzeres in seinem Album unterzubringen. Als er das Album zum letzten Male zur Hand genommen hatte, gut fünf Jahre mochte es her sein, vermochten ihm Hölderlins Worte noch nicht viel zu sagen. Heute war das anders. Am brennensten interessierte ihn jedoch der Eintrag von Susanne. Er wußte, daß er sie ziemlich weit vorn plaziert hatte. Denn Tom hatte seine Mitschüler in dieser Beziehung ziemlich gegängelt und sie feinsten Rangabstufungen unterworfen, sie durften sich keineswegs an beliebigen Stellen verewigen, das wäre ja noch schöner, vielmehr waren teilweise immer noch die von ihm mit Bleistift in die Ecken gekritzelten Namen zu erkennen, die jedem seiner Klassenkameraden den Platz zuwies, der ihm zukam. Wer jetzt aber denkt, Susanne hätte den ersten Platz bekommen - weit gefehlt! Tom war damals nämlich gerade in seiner "magischen Phase", wie Entwicklungspsychologen wahrscheinlich sagen würden, und so hatte jede Zahl ihre genaue symbolische Bedeutung. Die Drei war zum Beispiel die Zahl des lieben Gottes und überhaupt alles Guten (vermutlich hatte Tom indirekt einmal etwas von der heiligen Dreizahl gehört). So erklärt sich, daß Susanne den dritten Platz zugewiesen bekam. Die Zwei wiederum bedeutete aus irgendeinem Grund die Ziffer des Unglücks. Leider hatte ihm seine Mutter einen Strich durch die geniale wie komplizierte Rechnung gemacht. Sie sollte sich ganz vorne als erste eintragen, aber sie hatte sich so lange den Kopf darüber zerbrochen, welchen überaus sinnigen Spruch sie ihm auf seinen Lebensweg mitgeben könnte, daß die Zeit verstrich und das Verslein schließlich nie zustande kam. Deshalb rangierte Susanne heute noch auf Rang zwo. Wie oft hatte ihn schon Susannes liebevolle Kinderschrift in seinem Album bezaubern können. Erneut las er die göttlichen Zeilen:

"Lieber Tom!

Zwei Täubchen, die sich küssen,
Die nichts von Falschheit wissen,
So liebevoll und rein,
Soll unsre Freundschaft sein.

Zur Erinnerung an Deine Schulfreundin Susanne."

Ihm lief ein wohliger Schauder den Rücken hinunter. Auf der linken Hälfte hatte sie ihm zwei Tauben gemalt, deren Schnäbelchen sich um ein Haar berührten. Tatsächlich hatten Tom und Susanne niemals einen Kuß gewagt, doch die kleinen Tauben schauten sich ganz tief in die Augen und hatten die Welt um sich herum vergessen und kein Baum und kein Wölkchen illustrierten einen Hintergrund. Sie hatten die Welt vergessen, und zeugte das nicht von viel tieferer Liebe als ein frecher Griff?
Schon in den ersten Tagen nach der Schultüte waren sie aufeinander aufmerksam geworden und schäkerten und neckten sich dauernd. In der Schule ging das Raunen um, daß die beiden demnächst "heirateten". In der dritten Klasse war das große Ziel erreicht, sie waren endlich Banknachbarn, das einzige Mädchen-Jungen-Paar in der ganzen Klasse übrigens. Wahrscheinlich war das die glücklichste Zeit in Toms Leben.
Im Grunde bildete Susanne im Klassenzimmer den lückenlosen Gegensatz zu der hageren Lehrerin: Susanne überstrahlte alles durch ihre Schönheit und war ein unverwüstliches Energiebündel, und vorne strampelte das häßliche und kränkelnde Fräulein Prust. Tom glaubte gespürt zu haben, daß Fräulein Prust deshalb eine unterdrückte Verbitterung gegenüber Susanne hegte, aber Fräulein Prust war viel zu gerecht und viel zu selbstlos, als daß sie eine ihrer Schülerinnen deswegen ernsthaft benachteiligt hätte. Außerdem, was hätte sie ihr schon anhaben können?
Diese glücklichen Verhältnisse fanden mit dem Wechsel ins Gymnasium, bei dem Drang nach höherer Bildung sozusagen, ein jähes Ende. Sie gingen dann auf unterschiedliche Schulen, an entgegengesetzte Enden der Stadt, wuchsen in unterschiedliche Freundeskreise hinein, und Susannes Familie zog auch bald um in ein anderes Viertel. So spalteten sich ihre Wege, um sich nie wieder zu kreuzen. Es kam ihm so vor, als hingen die beiden kleinen Tauben an unsichtbaren Fäden einer unheimlichen Macht und würden voneinander abgegezogen und müßten gegen ihren Willen weiter und immer weiter in entgegengesetzte Himmelsrichtungen davonschweben. Aber, und das allein war seine nie ganz versiegende Hoffnung, wenn die Erde eine Kugel wäre, wie gesprochen wurde, müßten die beiden Tauben dann nicht eines sehr fernen Tages, an den entgegengesetzten Enden der Welt, am Gegenmeridian unter südlicher Sonne, wieder aufeinandertreffen? Würde sich der Kreis dann endlich schließen? Ein einziges Mal hatte er sie nochmal gesehen, zwei Jahre später auf dem Volksfest, umringt von drei gutaussehenden Typen. Bei ihm entbrannte die alte Liebe von neuem, er konnte wochenlang nicht richtig schlafen und umschwänzelte ihr Haus, um ihr zu begegnen - aber es war wie verhext, er mußte sie immer verpaßt haben. Ob sie ihn damals auf dem Rummel nicht erkannt hatte oder angesichts ihrer Begleitung nicht erkennen wollte, fragte Tom sich bis heute. Eine zweite "Begegnung" ist kaum erwähnenswert. Es geschah auf einem LSD-Horror-Trip: Da erschien Susanne auf einmal und stand vor seinem Sofa. Alsbald aber transformierte sie sich in seine Mutter, was ihm gar nicht gefallen hatte - und zuletzt in sein eigenes Ebenbild. (Seitdem hatte er nur noch Gras geraucht.)
Tom hatte bereits eine durchaus bemerkenswerte Karriere als Musiker durchlaufen. Er spielte in einer EBM-Band, die in Szenekreisen einen klingenden Namen hatte. Allerdings war er nicht so populär geworden, daß er automatisch davon ausgehen konnte, daß seine Erfolge seinen damaligen Mitschülern oder speziell Susanne bekannt sein müßten, wenn sie nicht gerade Fans dieser Musikrichtung waren. Gewiß hatte er in diesen Jahren einige Beziehungen hinter sich gebracht. Aber fast alle diese Affairen waren eher oberflächlich geblieben, sie entfalteten jedenfalls keinen solchen Tiefgang, daß sie zu dem Idealbild einer Liebe, das in seinem Kopf herumspukte, ernsthaft in Konkurrenz hätten treten können. Tief enttäuscht hatte er sich bald innerlich zurückgezogen, die Beziehungen wurden eisiger und meistens war Tom es auch, der dann den konsequenten Schlußstrich gezogen hatte. Oft hatte er dabei die armen Mädchen völlig vor den Kopf gestoßen, die sich bescheiden mit einer weniger idealen Liebe vollkommen zufrieden gegeben hätten. Im Moment war er wieder einmal solo und stellte sich die unangenehme Frage nach seiner grundsätzlichen Beziehungsfähigkeit.
Seine musikalische Karriere ging unbestreitbar dem Ende entgegen. Die großen Erfolge lagen nun schon Jahre zurück. Tom mußte sich zwar keine Existenzängste machen, er hatte sich ein gewisses finanzielles Polster zurückgelegt, außerdem hatte er diverse Perspektiven für die Zukunft, beispielsweise widmete er sich der Malerei und hatte auch schon einige Bilder an den Mann bringen können. Darüberhinaus waren die turbulenten Tourneen seinem inneren Ruhe- und Stillebedürfnis eigentlich niemals entgegengekommen. Aber er hatte das bange Gefühl, daß seine beste Zeit vorbei sei, verdammt lange vorbei sogar schon, und keineswegs nur wegen seiner sich dem Ende zuneigenden Musikerkarriere.
Susanne war ein wunder Punkt in seinem Leben geblieben. Allein die kurze, bizarre Vision auf dem Volksfest, allein die windige Einladungskarte waren jeweils vollkommen ausreichend gewesen, die alte Liebe neu in Lohe zu bringen. Wie Zunderschwamm ruhte diese Liebe seit eh und je in Toms Gedächtnis, und der allerkleinste Funke reichte immer hin, um den ganzen Haufen in gleißende Flammen zu setzen und Tom wie trunken durch die Realität torkeln zu lassen. Spätestens dann kam er regelmäßig zur Überzeugung, daß alle seine anderen Freundinnen nichts als mehr oder weniger akzeptable Kopien der Einen waren. Und würden noch weitere dreißig Jahre vergehen, dann würde er sie immer noch lieben wie das himmlische Wesen, das in einer seligen Vergangenheit zwei Jahre lang zu seiner Rechten gesessen und seine verwundbare Flanke gesichert hatte. Wenn Tom an seine normalen Freundinnen dachte, dann konnte er sich nicht vorstellen, daß er sie in dreißig Jahren noch attraktiv finden würde. Susanne dagegen würde er auch dann noch mit Tränen in den Augen liebkosen. Diese letzte, endgültige, ein Leben in Frieden beschließen lassende Erfüllung war ihm ja bis jetzt versagt geblieben. Er würde sich vor ihr auf die Knie werfen, wenn das etwas brächte, und ihr die zartesten Worte der Liebe ins Ohr flüstern. Tom war sich durchaus bewußt, daß er die Vergangenheit verklärte und Susanne idealisierte, aber seine Erinnerungen an die damalige Zeit kamen ihm vor wie goldene Mythen, die von fernen Zeiten und Reichen raunten. Ja, sie lagen wie hinter einem Traumschleier und Träume sind schon immer absolut gewesen. Der Gedanke, die Vision der engelsgleichen Susanne der Irrealität entheben zu wollen, wäre genauso unsinnig, wie der Versuch, einen Albtraum zu objektivieren und dem Schrecken im nachhinein Linderung zu verschaffen, zum Scheitern verurteilt wäre. Tom ging an diesem Tag, entgegen seiner Gewohnheit, sehr früh ins Bett und träumte in halbwachem Zustand von einem Wiedersehen bis in den späten Morgen hinein. Zwei Monate gingen ins Land, dann kam der große Tag. Die Zeit dazwischen hatte Tom nach und nach seine Relikte, seine Schlumpfsammlung etwa und all die "Lustigen Taschenbücher" hervorgekramt, die ihn an frühere Zeiten erinnerten und die er nun wonnevoll las. Er hatte außerdem weite Spaziergänge unternommen.
Normalerweise war er vor einem Rendezvous immer so aufgeregt, daß die Angst die Vorfreude in den Hintergrund treten ließ. Aber dieses Mal hatte die Angst keine Chance, sein Gemüt zu verfinstern. Freilich war er aufgeregt, aber die Aussicht, Susanne zu treffen, triumphierte überwältigend über alle negativen Gedankengänge. In diesen Tagen fiel ihm zum ersten Mal seit vielen Jahren auf, welch lachende Farben ein gewöhnlicher Herbstwald hervorzubringen vermochte, und er betrachtete die Menschen seiner Umgebung gütiger.
Er zog sich lieber nicht so schwarz an, wie er es gewohnt war, um eine möglicherweise lebensfrohe Susanne nicht zu verstören. Er erinnerte sich an ihr sonniges Gemüt, das während der gemeinsamen Zeit sogar die Kraft hatte, auf ihn abzustrahlen, obwohl er damals schon ein eher grüblerisches und in sich gekehrtes Kind war. Auch den Anhänger mit seinem Langobardenkreuz legte er für heute ab, kein nordischer Schatten sollte länger auf Länder und Menschen fallen, die der Sonne zugesprochen waren.
Tom stieg in seinen dunklen Sportwagen. Er mußte vorsichtig lenken, denn die Stadt war über Nacht von einem gewaltigen Wintereinbruch heimgesucht worden, und er hatte keine Winterreifen aufgezogen. Auf der Fahrt beschallte er sich mit dem Soundtrack von "Captain Future", um in Stimmung zu kommen. Diese Kultserie war wie Susanne ein Symbol für seine glückliche Kindheit. Captain Future und Susanne hatten noch etwas gemeinsam: Tom hatte die Serie seit damals nicht mehr gesehen, und kein beizender kritischer Geist hatte ihr Andenken deshalb zerstören können.
Vor seinem geistigen Auge defilierten noch einmal seine Mitschüler vorbei, wie er sie in den Tagen zuvor auf den Klassenfotos aufmerksam studiert hatte. Was aus ihnen wohl geworden sein mochte? "Natürlich nichts", grinste er, "was hätte aus diesen Gesichtern schon werden können?" Eine Internetrecherche hatte ihm diesen Verdacht zunächst bestätigt, nur Tom konnte erwartungsgemäß mit Hunderten von Suchergebnissen glänzen. Aber auch seine arme Susanne vermochte keinen Treffer vorzuweisen. Doch das machte gar nichts. "Susanne mußte nichts werden, sie ist", sagte er sich. Und wenn sie in einem grauen Büro einer Versicherung sitzen sollte, dann würde er eben augenblicks seine Meinung über das Versicherungswesen überdenken. Bloß eines würde ihn schmerzen: Wenn sich herausstellen sollte, daß sie zum Schluß einem dummen Schönling ihr überstürztes Ja-Wort gegeben hätte und zu Hause sitzen müßte, um sich um die Aufzucht seiner Kinder zu kümmern. (Tom mochte Kinder nämlich nicht besonders, hauptsächlich, weil er ihnen gegenüber unsicher im Umgang war. Sie waren ihm zu offen.)
Tom parkte direkt gegenüber seiner alten Schule. Das Treffen sollte um acht beginnen, aber er war trotz langsamer Fahrt fast eine Stunde zu früh dran. Er blieb deshalb zunächst im Auto sitzen und beobachtete den Eingang, ob vielleicht alte Klassenkameraden zur Tür hineingingen. Da es Dezember war, war um sieben längst die Dunkelheit hereingebrochen, doch die Straße war hinreichend beleuchtet. Allein die Scheibenwischer mußte er von Zeit zu Zeit betätigen um hinausschauen zu können, weil immer wieder große Flocken auf die Windschutzscheibe herabfielen.
Das massige alte Schulhaus ragte wie ein kranker, ins Schwanken gekommener Riese in den kalten Nachthimmel empor. Das marode Gebäude stand zum Abbruch an. Schon mit dem Ende des letzten Schuljahres war der Schulbetrieb eingestellt worden, und im nächsten Frühjahr sollte es niedergerissen werden. Es hatte sich nicht mehr rentiert, die Stadt war am Aussterben, es gab einfach zu wenig Kinder.
Zunächst war es noch relativ ruhig geblieben, erst dreißig Minuten vor acht spazierten die ersten Leute ins Haus hinein. Aber er hatte aus der Distanz niemanden wiedererkennen können. Allerdings beruhigte ihn die Tatsache, daß überhaupt jemand hineinging. Wenn sich alles um einen Scherz handeln sollte, war er zumindest nicht als einziger hereingelegt worden.
Zehn Minuten nach acht entschloß er sich endlich, den Weg zu seinem alten Klassenzimmer anzutreten. Zögernd öffnete er die Tür zum Schulhaus und schritt dann den langen Gang entlang. Seine einsamen, unsicheren Schritte hallten in den Fluren wieder, die nur dämmrig beleuchtet waren. Aber für den normalen Schulbetrieb am Tage war eine stärkere Beleuchtung ja auch nicht notwendig gewesen, und er wunderte sich überhaupt, daß die Stromversorgung noch nicht längst abgeklemmt war. Mit Wehmut betrachtete er die langen Risse an den Wänden. Das Haus machte einen trostlosen, verkommenen Eindruck. Als er langsam das Treppenhaus hochstieg, das früher von quietschenden Kindern erfüllt gewesen sein mochte, fand er es ebenfalls menschenleer und still vor. Die Stufen schienen sich geradezu vor ihm zurückziehen zu wollen. Sein Klassenzimmer befand sich im zweiten Stock, aber Tom hörte keine Stimmen. Neugierig trat er zur Tür hinein und sah zu seiner Überraschung, daß praktisch die gesamte Klasse versammelt war. Susanne befand sich allerdings nicht unter den Anwesenden. Das Mobilar war offensichtlich noch nicht ausgeräumt worden, und wie brave Schulkinder saßen seine Schulkameraden jeweils paarweise an den Tischchen. Sie sprachen kaum ein Wort miteinander. Selbst der freundliche Gruß, den Tom in den Raum geworfen und für den er sich alle Mühe gegeben hatte, wurde nur zögernd erwidert. Nur Ralph, den er gleich wiedererkannt hatte, nickte freundlich und bot Tom mit einer einladenden Handbewegung den Platz vor sich an. Tatsächlich klebte auf diesem Tisch ein Aufkleber mit einer zittrigen, von Hand gemalten Beschriftung: "Thomas D.". Auch die anderen Tische waren mit solchen Aufklebern versehen. Tom wäre viel lieber etwas herumgegangen, hätte sich gerne mit diesem und jenem unterhalten, aber nicht ganz Herr seines eigenen Willens setzte auch er sich gehorsam und entsprach dem geheimen Plan. Das heißt, so undurchschaubar war die Ordnung auch wieder nicht, Tom glaubte sich erinnern zu können, daß er der damaligen Sitzverteilung folgte. Und tatsächlich stand auf dem Aufkleber auf der rechten Hälfte seines Tisches "Susanne T.". Nachdem sich die leichte Unruhe, die durch sein Kommen ausgelöst worden war, wieder gelegt hatte, trat erneut Stille ein. Nur hinten mußte sich einer erkältet haben, und dessen Hust- und Niesanfälle hoben das Schweigen peinlicherweise noch hervor. Tom wagte sich nicht umzudrehen, als ob allein der wabernde Geist des Schulzimmers einen disziplinierenden Zwang ausübte. Lächerlich war es anzusehen, wie sie alle auf den kleinen Kinderstühlchen saßen und ihre langen Beine scheinbar freiwillig unter die viel zu niedrigen Schulbänke quetschten. Sie starrten gebannt Richtung Tafel, als ob sich dort vorne gleich ein Vorhang heben würde und eine spektakuläre Aufführung begönne. Auf was warteten sie? Auf Fräulein Prust? Hatte ihnen keiner gesagt, daß sie längst mit der Erde vermählt war? Eine Zeit lang fügte auch Tom sich diesen merkwürdigen Verhältnissen, doch dann kam ihm das alles so lächerlich vor, daß er sich zum dicken Ralph umdrehte. Unmittelbar, nachdem er sich dazu entschlossen hatte, war ihm, als ob ihn eine sehr scharfe Stimme anzischte: "Man schwätzt nicht im Unterricht!" Und im Geiste sah er einen dürren, sich drohend erhebenden Zeigefinger. Tom jedoch hatte sich um solche Maßregeln nie sonderlich geschert und gegenüber Fräulein Prust schon gar nicht.
"Was ist eigentlich hier los?", fragte er, "die Stimmung, die hier herrscht, ist ja grauenvoll!"
Ralph zögerte einen Augenblick ängstlich, doch dann antwortete er:
"Wir haben vorhin, als du noch nicht da warst, etwas ganz Scheußliches entdeckt. Erinnerst du dich noch an Bodo Schneider?"
"Ja, er ist tot."
"Da wär' ich mir gar nicht so sicher."
"Was willst du damit sagen?" Tom blickte ungläubig, und die Antwort war ein vielsagender Blick.
"Was soll das heißen: 'wär' ich mir nicht sicher'? Wir sind sogar zusammen auf seiner Beerdigung gewesen, traurig war's, weißt du noch?" setzte Tom hinzu, und nach kurzem Abwarten sagte er giftig: "Erinnerst du dich wenigstens noch an den Leichenschmaus?"
"Schau, was ich vorhin unter seiner Bank gefunden habe, er war ja damals mein Banknachbar. Die andern haben es schon gesehen, aber für verspätete Promis gibt's eine Extravorstellung."
Ralph wurstelte ohne weitere Worte einige Utensilien unter der Bank hervor. Er legte die Gegenstände, nicht ohne sich eine gewisse triumphierende Geste zu verkneifen, säuberlich nebeneinander auf den Tisch. Es handelte sich um ein Fußball-Bundesliga-Album, ein Atemspray und eine bunte, ziemlich peinliche Bommelmütze.
"Das da", erklärte er erläuternd, "ist ein Fußballalbum aus dem Jahre 1979. Und dies hier", er zeigte auf das Spray, "brauchte Bodo gegen seine Anfälle. (Verfallsdatum übrigens 30.6.81). Und was die alberne Zipfelmütze betrifft: Du wirst dich noch erinnern, daß wir sie ihm im Winter immer gerne vom Kopf gezogen und dann gemeinerweise versteckt haben, weil wir nicht kapieren wollten, daß er bei seiner Infektionsanfälligkeit darauf angewiesen war. Im übrigen quillt die Bank unten über von verschmähten Butterbroten, deren Anblick ich dir lieber erspare. Vielleicht weißt du noch, daß er fast nie Appetit hatte, was seine besorgte Mutter aber nicht wissen sollte."
Tom nahm das Fußballalbum bestürzt zur Hand und blätterte darin. Es war absolut vollständig. Dann legte er es zur Seite und starrte wie die anderen nach vorn. Sein Blick fiel auf das Pult. Darauf lag etwas, was einem Haargummi gleich sah. Entsetzt starrte er einige Zeit auf den bedeutungsschwangeren Gegenstand, bevor er endlich seine Hemmung überwinden konnte, einfach aufstand und nach vorne lief. Er ahnte, daß sich unter dem Pult etwas Wichtiges finden würde, und er schob den Stuhl zurück. Über der Sitzfläche war tatsächlich eine giftgrüne Strickweste abgelegt, und unter dem Pult fand er Fräulein Prusts orthopädische Stiefel. Er packte sie an den Schnürbändchen und hielt sie mit ausgestreckten Armen der Klasse entgegen. Die Schockwirkung wurde tatsächlich nicht verfehlt, einige von den Frauen stießen einen gedämpften Schrei aus. Doch auch den relativ abgeklärten Tom durchlief ein Schauder, und er stellte die nicht geheueren Objekte voller Ekel oben auf dem Pult ab. Allerdings hatte seine Keckheit, so mir nichts dir nichts den Platz zu verlassen, auch seine Mitschüler ein wenig angesteckt, so daß auch sie aufstanden und sich im Kreis um das Pult versammelten und Fräulein Prusts widerliche Schuhe aus gebührlichem Abstand beobachteten. Nun entwickelte sich plötzlich eine aufgeregte Diskussion. Man kam schnell überein, daß es das beste wäre, dieses Raum und das Schulgebäude möglichst schnell zu verlassen und sich so schnell nicht wiederzutreffen.
"Jedenfalls sind alle gekommen", meinte Ralph zynisch, "sogar die Toten, so gut sie eben konnten."
"Du hast Susanne vergessen", korrigierte Tom etwas ärgerlich, um gleich besorgt hinzuzusetzen: "Ich habe sie doch wohl nicht verpaßt, oder?"
"Ja, tatsächlich", stimmte Ralph überrascht zu, "Susanne hat unentschuldigt gefehlt."
Ohne sich um das Schicksal Susannes zu kümmern, verließen alle außer Tom eilig das Klassenzimmer, und er hörte sie die Stufen hinuntertappen, bis die letzten Tritte im Aufgang verhallt waren. Von draußen vernahm er schließlich das Schlagen mehrerer Wagentüren, bevor sich die Motorgeräusche in verschiedene Richtungen entfernten. Nun war es wieder ganz still. Tom hätte Susanne niemals im Stich gelassen wie die anderen.
Er räumte im Zimmer etwas auf und verstaute die "kostbaren" Reliquien hinten in der Wandgarderobe, damit sich Susanne nicht unnötig erschreckte, falls sie doch noch käme. Dann setzte er sich wieder auf seinen Platz, schaute sehnsüchtig auf den "Susanne T."-Aufkleber und wartete und hoffte. Und wartete. Vorsichtshalber schaute er auch unter Susannes Bankablage nach, aber dort zeigte es sich zu seiner großen Erleichterung leer und aufgeräumt. Lange saß er so da und lauschte mit größter Anspannung, ob nicht leise Schritte zu hören waren, doch alles blieb stumm. Nur er allein saß verloren hinter seinem Bänkchen, und das Klassenzimmer, das Schulhaus, ja die ganze Stadt schien in tiefen Schlummer gefallen.
Tom fühlte sich, als müßte er, weil er ungezogen war, lange, lange nachsitzen, bis tief in die Nacht, nein, bis er alt und grau und runzelig wäre. Und das fand er im Grunde sehr in der Ordnung, denn was er ihr im Lauf der Jahre Gemeines angetan hatte, würde ihm Fräulein Prust sicher niemals verzeihen. Da erinnerte er sich an den Spruch seiner Großmutter: "Schenke Blumen während des Lebens, auf den Gräbern sind sie vergebens!" Ja, die Reue kam wohl zu spät.
Beinahe eine Stunde harrte Tom nun schon aus, und an die kurze Anwesenheit seiner Mitschüler vorhin erinnerte er sich nur noch wie an einen flüchtigen Spuk. Von Susanne gab es aber gleichfalls noch kein Lebenszeichen, und er mußte realistischerweise eingestehen, daß die Chance, daß seine alte Freundin doch noch käme, mittlerweile gegen Null tendierte. Wie unter Schock verließ Tom verstört das Klassenzimmer und seine resignierten, teilnahmslosen Augen hingen an den ergrauten Wänden des Treppenhauses. Als er unten in den langen Korridor einbog, sah er, daß sich am entgegengesetzten Ende die Eingangstüre öffnete. Sein Herz begann so hart zu schlagen, daß es ihm in den Ohren pochte. Aber es war nur ein Mädchen mit Büchertasche, das da hereinkam und es offenbar sehr eilig hatte. Tom wunderte sich ziemlich, aber sie liefen sowieso aufeinander zu und ihre Wege mußten sich kreuzen. Noch längst konnte er das Mädchen mit Augen nicht genau erkennen, lediglich die Art, wie sie sich bewegte, doch schon spürte er die unvorstellbare Aura, die von diesem kleinen Wesen ausging, die ihn vor Glück fast ins Taumeln brachte und die mit Worten unmöglich auszudrücken wäre. An dieser magischen Kraft hatte er sie wiedererkannt. Als Susanne näher kam, sah er, daß sie ein Mädchen von elf Jahren war und auf dem Weg zur Schule. Sie warf einen ängstlichen Blick auf ihn und sagte nur hastig:
"Entschuldigung, ich habe mich verspätet, ich gehe gleich in mein Klassenzimmer."
Sie wollte schon an ihm vorbeihuschen, doch dann faßte er sie behutsam an der Schulter und brachte sie zum Innehalten. "Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin kein Lehrer", beruhigte er sie.
Sie drehte sich zu ihm um und zum ersten Mal seit so vielen Jahren hatte er wieder Blickkontakt zu den einzigartigen, geheimnisvollen, blauen Augen Susannes.
"Kennen wir uns?" fragte sie überrascht.
Tom antwortete nur mit einem Achselzucken. Was hätte er ihr sagen sollen? Er wußte ja selber nichts.
"Trotzdem muß ich zum Unterricht", drängte sie pflichtbewußt und wollte sich sachte losreißen, "es ist schon lange nach acht, ich habe mich wirklich schrecklich verspätet."
"Bleib hier! Du brauchst dich nicht zu eilen. Denn Fräulein Prust wird heute nicht kommen können", sagte Tom.
"Nicht? Ist sie krank?"
"Ja, arg krank. Aber mach dir keine Sorgen um sie. Ich glaube, es geht ihr immer besser. Sogar ihre Spezialschuhe braucht sie nicht mehr."
Susanne grinste mit Verschwörermiene.
"Außerdem", fügte Tom hinzu, "ist es acht Uhr abends, meine Liebe, nicht acht Uhr morgens."
"Was? Diese dumme Dunkelheit, ich hasse sie. Habe ich mich so in der Zeit vertan?"
"In der Zeit vertan? In der Zeit vertan?", murmelte Tom mehr zu sich selbst, "Haben wir das nicht alle?"
Tom schaute selig zu ihr hinunter.
"Danke, daß du gekommen bist, Susanne."
"Woher kennen sie meinen Namen?" fragte sie irritiert.
Tom zögerte und wich abermals einer Antwort aus: "Du kannst ruhig 'Du' zu mir sagen. Gar so ein alter Knochen bin ich auch noch nicht."
Susanne fixierte Tom scharf und ihre Augen schienen ihn regelrecht einsaugen zu wollen.
"Dein Gesicht kommt mir bekannt vor. Und auch die Stimme irgendwie... Woher kennen wir uns?" wiederholte sie ihre Frage.
"Glaubst du an Märchen?" entgegnete Tom.
"Hmm, ab und zu, aber nur an die, die gut ausgehen."
"Dann kann ich dir, glaube ich, bald ein sehr schönes Märchen erzählen. Übrigens sind es immer nur die Märchen, die gut ausgehen. Was schlecht ausgeht, das ist die Realität."
"Wie meinst du das?" fragte sie besorgt.
"Ach laß nur. Dich betrifft das sowieso nicht, kleine Sonne."
Susannes Geist arbeitete sichtbar auf Hochtouren.
"Du hast mich nicht nach meinem Namen gefragt", sagte sie", deshalb frage ich dich auch nicht nach deinem. Aber du erinnerst mich an jemanden. Darf ich dich zum Spaß 'Tom' nennen?"
Vor Überraschung brachte er kein Wort heraus und schaffte es lediglich, erfreut mit dem Kopf zu nicken, am liebsten wäre er ihr aber dafür um den Hals gefallen (was gar nicht so einfach gewesen wäre, denn sie war über zwei Köpfe kleiner als er).
"Darf ich mich dadurch geehrt fühlen?" fragte er.
"Oja", raunte sie verschmitzt.
Tom überlegte einen Moment, bevor er einen Vorschlag machte: "Weißt du was? Wenn wir schon beide nicht richtig in der Zeit leben, was hältst du davon, wenn wir sie uns zusammen ein bißchen vertreiben, die Zeit?"
"Gerne", freute sie sich, "aber was schlägst du denn vor?"
"Was würdest du zu einer Schneeballschlacht sagen?"
Ohne zu antworten wetzte sie sofort begeistert durch die Tür in den alten Pausenhof, um ihm mit einer dicken Schneebombe aufzulauern. Diesen satten Treffer konnte Tom nicht auf sich sitzen lassen, und er jagte sie durch den ganzen Schulhof. So flink Susanne war, in einer Mauerecke konnte er sie dennoch zur Rechenschaft ziehen. Beide haben sich nichts geschenkt. Doch jedesmal, wenn einer getroffen wurde, lachten sie beide. Sie haben sich gegenseitig immer wieder eingeseift und sich geradezu im Schnee gewälzt. Und obwohl Tom als ziemlich sportlich galt, merkte er bald, daß er Mühe hatte, Susannes unglaublicher Energie etwas entgegenzusetzen. Bald waren sie bis auf die Haut durchnäßt, aber keiner dachte ans Aufhören. Lebenshungrig gab sich Tom dem kindlichen Spiele hin und verschwendete keinen Gedanken an eine Verschnaufpause, denn er wußte nicht, wie lange der gütige Zauber des treusorgenden Fräulein Prust noch anhalten würde. Er wollte alles Glück dieses Abends in sich aufsaugen, um zur Not für den Rest seines Lebens davon zehren zu können.



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