Gesänge aus der Tiefe




Es war Ende Dezember, eine Woche vor dem orthodoxen Weihnachtsfest, und der sibirische Buran wehte aus Nordost über die grauen Kohlenstädte des ukrainischen Donezreviers. Der von Rost und von Eis überzogene Förderturm der Grube "Kadijewka" ragte wie das Skelett eines erfrorenen Zyklopen in den kalten, kristallklaren Himmel. Über dem Werkstor waren immer noch die blassen Buchstaben "Felix Dserschinskij" zu entziffern, denn so hatte das Bergwerk zu Sowjetzeiten geheißen, benannt nach dem verwunschenen Gründer des KGB. Und so wurde die Zeche auch im Volksmund noch genannt, obwohl sie seit ein paar Jahren offiziell den Namen der Stadt - Kadijewka - trug. Auch die Bergleute riefen die Grube, die ihre Gesundheit zusehends zerstörte, liebevoll nach diesem alten Namen. Tief im Inneren, in den dunklen Schächten hatte sich ja auch nichts verändert, nichts verbessert.
Und so hatten die krachenden, sträflich verwahrlosten Aufzüge bis vor kurzem Tag für Tag hunderte Bergarbeiter in die Tiefe geschaufelt. Die Häufchen Kohle, die im Gegenzug oben anlangten, die die fahlen Arbeiter mit primitiven Werkzeugen und rinnendem Schweiß aus den Flößen herausschlugen, waren lächerlich klein.
Bis Ende November war noch alles gutgegangen. Nach dem Unglück hatte sich jedoch eine gespenstische Stille über die Anlage gesenkt. Bei einem zum Gelände gehörenden Speichersee war einfach der Boden durchgebrochen und das Wasser hatte das Bergwerk regelrecht ersäuft. Niemand wußte, welche Schicksale sich tausend Meter unter der ukrainischen Steppe abgespielt haben mochten, doch es war gewiß, daß die Bergleute entweder ertrunken oder aus Luftmangel erstickt waren oder vom Schlamm zerquetscht. Manche könnten auch noch einige Zeit durchgehalten haben, erst dann waren sie verhungert oder am Verfaulen ihrer Beine in dem Brackwasser allmählich gestorben.
Daß dieses tödliche Grubenunglück nicht das erste im Donezbecken war, vermochte den Hinterbliebenen keinen Trost zu spenden, ebensowenig wie der seltsame Zufall, daß sich ganz ähnliche Unglücke kurze Zeit später in verschiedenen, teilweise weitaus moderneren Bergwerken auf der ganzen Welt zugetragen hatten. In West-Virgina etwa hatten sich die Stützen eines Zugangsstollens als zu schwach erwiesen und alles war eingestürzt, im deutschen Ruhrgebiet hatte eine Schlagwetterexplosion ein komplettes Bergwerk unter sich begraben, im chilenischen Lebu hatte ein starkes Erdbeben eine Zeche zerrissen. Selbst aus dem kommunistischen Nordkorea war ein schweres Unglück gemeldet worden, freilich ohne genauere Informationen.
Vielleicht wäre es besser gewesen, den Menschen in Kadijewka von Anfang an die Wahrheit zu sagen. Es hatte von Anfang an keine realistische Chance gegeben, die Kumpels zu retten. Doch die Behörden als auch die Oligarchen, die die Inhaber der Grube waren, hatten sich auf einen Schlingerkurs von Panik, Vertuschung, Verharmlosung und möglicherweise auch ehrlichen Mitleids verirrt. Verlogene Informationen ließen manchen Hinterbliebenen falsche Hoffnungen schöpfen, und alsbald traten diese Getäuschten sogar selbst an die Öffentlichkeit mit ihren verzweifelten Appellen, die Menschen dort unten nicht ihrem Schicksal zu überlassen. Das Unglück wurde zu einem Politikum und zum Synonym für die Krisenhaftigkeit des ganzen Landes. Irgendwann meldete sich sogar der Präsident zu Wort, stellte für die Zukunft schärfere Vorschriften in Aussicht und versprach vollmundig, nach den Verschütteten so lange suchen zu lassen, bis über ihr Schicksal Klarheit herrschte. Dabei hatte es sich zunächst nur um leere Worthülsen gehandelt, da der Präsident wußte, daß dem Land sowohl die finanziellen als auch die technischen Mittel zu einer solchen Bergung fehlen würden.
Es war mutigen Frauen wie Irina Kovalenkowa zu verdanken, daß diesen hohlen Phrasen auch gewisse Taten folgten. Frau Kovalenkowa, deren Sohn in der Grube steckte, organisierte die Angehörigen der verunglückten Bergleute und appellierte mit dem Mut der Verzweiflung an die Verantwortlichen, in ihren Anstrengungen bei der Suche nicht nachzulassen. Sie verfaßte mit ihrer Gruppe Petitionen, Bittbriefe, die sie an Zeitungen wie Behörden im ganzen Land verschickte, sie organisierte Radiointerviews und ihre Mitstreiter hielten Mahnwachen vor den Werkstoren ab. Ihre flehenden Aufrufe wurden nach einiger Zeit sogar im Ausland wahrgenommen, und besonders aus der Bundesrepublik kamen Spenden und technische Unterstützung für die Ukraine. Das gemeinsame Schicksal ihrer Bergarbeiter rückte die Völker zusammen. Nun wurden endlich an vielen Stellen des ganzen Stadtgebiets - denn soweit erstreckte sich im Untergrund das labyrinthartige Stollensystem - mit dreiwöchiger Verspätung Sondierungsbohrungen vorangetrieben. Diese Bohrlöcher hatten nur jeweils einen Durchmesser von etwa zehn Zentimetern, sie wären jedoch breit genug gewesen, mit den Verschütteten Kontakt aufzunehmen und ihnen Lebensmittel und Medikamente zukommen zu lassen.
Irina war keineswegs eine geborene Aktivistin, sie hatte sich Zeit ihres Lebens aus politischen Dingen ganz herausgehalten. Doch aus Sorge um ihren einzigen Sohn Jirik entwickelte sie den Mut einer Löwin. Irina war für ihr Alter im Grunde eine recht hübsche Frau, mit intelligenten Augen, obwohl ihr Gesicht durch ein hartes Leben und manche Hungerwinter deutlich gezeichnet war. In ihr blasses Antlitz versuchte sie mit dick aufgetragenem Lippenstift und mit blauen Lidschatten stets ein wenig Farbe zu bringen. So war ihr Gesicht ein Sinnbild ihres Daseins: Entbehrungsreich, oft freudlos, aber doch auch mit einigen Tupfern des Glücks. Sie hatte immer hart arbeiten müssen, war nie aus dem erbärmlichen Kadijewka richtig fortgekommen, doch wenn sie sich etwa an ihr Glück mit Ilja erinnerte, ihrem Mann, an einige gemeinsame Aufenthalte in einem betriebseigenen Ferienheim am Strande der Krim und an ihren guten Sohn Jirik, auf den sie stolz war, immer dann erschien ihr das Leben doch ein bißchen lebenswert. Die nötige Kraft hatte Irina stets aus ihrem tiefen Glauben geschöpft. Sie war sicher, daß ihr Gott in schweren Zeiten schon oft beigestanden hatte. Irinas Mann war vor einigen Jahren an einer Staublunge verstorben, denn auch er hatte unten im "Dserschinskij" gearbeitet, und nun kämpfte sie fanatisch für das Leben ihres Sohnes Jirik. Man hätte ihr besser gleich die Wahrheit sagen sollen.
Immer wieder hatte sie früher auf Jirik eingeredet, er solle sich doch eine andere Arbeit suchen, doch er hatte immer bloß geantwortet, es gäbe nichts anderes, und er hatte wahrscheinlich recht. Am Feierabend spielte er allerdings Gitarre und manchmal erlaubte er sich zu träumen, und dann hatte er die stille Hoffnung, eines Tages ein ukrainischer Schlagersänger werden zu können, träumte vom Silberstreif am Horizont, dem verhaßten Schacht entkommen zu können, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und aufzusteigen in die Sphäre der Sterne und Wolkenvögel.
Einige der Bohrlöcher waren nun schon über 2000 Meter in die Erde getrieben und noch immer war man auf nichts gestoßen als auf Wasser und auf Schlamm. Realistische Gutachter hatten schon längst jede Hoffnung aufgegeben, aber auch sie sagten meist aus Feigheit und aus falsch verstandenem Mitleid mit den Angehörigen, daß der Mensch unter günstigsten Umständen einen Monat ohne Nahrungsmittel überleben könnte, daß sich irgendwo Luftblasen gebildet haben könnten und daß zumindest die Gefahr des Verdurstens dort unten ja nicht bestünde. Frau Kovanlenkowa und die anderen Angehörigen klammerten sich an diese abwegigen Spekulationen und bestärkten sich ständig gegenseitig in ihren Hoffnungen.
Mitte Januar, fast neun Wochen nach dem Unglück, beschlossen die Behörden endlich, die Farce zu beenden und eine offizielle Trauerfeier für die Verschütteten im Michailskoe-Kloster auszurichten. Da spaltete sich zum ersten Mal die Gemeinschaft der Angehörigen und ging im Streit auseinander: Die meisten wollten von den Verunglückten endlich in Würde Abschied nehmen können, waren des aussichtslos scheinenden Kampfes müde geworden. Nur Irina und ganz wenige verbliebene Mitstreiter boykottierten die Trauerfeierlichkeiten. Irina saß während der Stunden der Messe einsam in ihrer kleinen Küche und hing ihren verwirrten Gedanken nach.
Es war vormittags. Plötzlich pochte es an der Tür. Irina öffnete, und vor ihrer Wohnung standen drei Herren, die sie als Mitglieder der Betriebsleitung der Zeche wiedererkannte. Sie lächelten zögerlich.
Nach einiger Zeit des Schweigens sagten sie: "Frau Kovalenkowa, wir haben Ihnen vor einiger Zeit eine sehr schlechte Nachricht überbringen müssen. Heute bringen wir Ihnen eine gute: Ihr Sohn lebt!"
Irina war nicht fähig, irgendetwas zu entgegnen, da fuhren die Herren fort:
"Frau Kovalenkowa, wir sind vor zwei Stunden auf einen Stollen gestoßen, der nicht überflutet war. In ihn hat sich ein Großteil der Verschütteten flüchten können. Ihr Sohn ist auch darunter. Wir werden noch lange brauchen, um sie zu befreien, aber wir können mit den Verschütteten Kontakt aufnehmen und sie mit allem Lebensnotwendigen versorgen."
Irina faltete die Hände.
"Wir haben sogar schon mit ihnen gesprochen. Wollen auch Sie, ich meine - wollen auch Sie mit Ihrem Sohn sprechen?"
Die Mutter war ganz verstockt, die Herren warten geduldig auf eine Antwort, bis sie endlich ein mühsames "ja... ja..." formte.
"Dann begleiten sie uns bitte, wir fahren sofort zur Grube."
Auf der Fahrt erklärten die Herren Irina, daß der Kontakt zwischen der oberirdischen Welt und dem Schacht momentan nur über einen extrem, fast unwirklich dünnen Spalt erfolge, der in der Relation schmäler sei als ein Roßhaar, und daß es noch Monate dauern könne, die Verschütteten zu bergen, daß sie sich aber keine Sorgen mehr machen müsse. Irina saß auf der Rückbank des Firmenbusses und betete.
Als sie nach kurzer Fahrt an der Zeche ankamen, bot sich dort ein völlig verändertes Bild. Hunderte Menschen standen jetzt um den Zaun herum, Limousinen und Fernsehübertragungswagen parkten auf dem Gelände.
"Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, daß das Fernsehen dabei ist. Das ist ein großer Erfolg für das ganze Land. Das Gespräch mit den Verunglückten wird direkt übertragen", sagten die Herren ein wenig entschuldigend.
"Das ist mir egal, wenn ich nur mit Jirik sprechen darf", antwortete Irina.
Im Kontrollraum herrschte dichtes Gedränge. Menschen in schwarzer Kleidung, die unmittelbar aus der Trauermesse herangekarrt worden waren, mischten sich mit Politikern, Journalisten und Mitarbeitern des Bergwerks. Frau Kovalenkowa wurde warmherzig begrüßt. "Nun wollen wir also zum zweiten Mal Kontakt herstellen!" sagte ein Techniker und machte eine Geste, um um Ruhe zu bitten.
Gespannte Stille herrschte urplötzlich im Raum. Dann hörte man ein Rauschen in den Lautsprechern.
"Hallo, hallo, können Sie mich dort unten hören?", fragte der Direktor des Bergwerks, "bitte bestätigen Sie!"
Nach einer kurzen Weile kam eine gespenstische Reaktion: "Ja, wir können sie hören!" war die leise Antwort.
Die Anwesenden starrten gebannt auf die Lautsprecher und legten die Hände um die Ohrmuscheln, um besser verstehen zu können.
"Mit wem spreche ich?"
"Mit Dimitrij Demidkin, dem Vorarbeiter."
"Wie viele Männer sind Sie dort unten?"
"98 sind wir und wir leben."
"Das sind ja fast alle", ging ein Raunen durch die Runde.
"Wie geht es Ihnen?" fragte der Direktor.
"Danke für ihre Nachfrage, aber uns geht es sehr gut."
Die Menschen im Kontrollzentrum blickten sich verwundert an und fingen an zu tuscheln, um sich die undeutlichen Worte gegenseitig zu bestätigen.
"Ich übergebe das Gespräch jetzt an einen Arzt, warten sie einen Augenblick."
Ein Mann in grünem Kittel rückte an das Mikro.
"Ich grüße Sie. Wie steht es im Bergwerk mit dem Sauerstoff?"
"Hallo Doktor. Wir können gut atmen. Aus dem Wasser sprudeln ständig frische Luftblasen von unten herauf; das ist lustig, wir fühlen uns fast wie in einem Aquarium."
"Und zu essen? Hatten sie denn genug Nahrungsmittel?" fragte der Arzt irritiert.
"Am Anfang hatten wir fast nichts und wir dachten, wir müßten verhungern, doch dann kam der Khan und hat uns mit Essen versorgt. Wir leben jetzt wie im Schlaraffenland, wir haben Kisten voller Wodka hier in der Ecke stehen. Nastrowje!"
"Nastrowje!" brüllten unten viele Männerstimmen, als ob sie sich zuprosteten.
Die Menschen oben wechselten ungläubige Blicke.
"Sie sollten sich mit dem Trinken besser zurückhalten", riet der Arzt. "Gibt es bei Ihnen Kranke oder Verletzte?"
"Nein, nicht mehr. Nach dem Unglück waren viele verletzt und schwer verletzt, aber wir sind alle durchgekommen, wir haben die Brüche geschient und sie sind sauber verheilt. Auch der Khan hat seine Hand aufgelegt, und jetzt geht es uns allen gut."
"Sie brauchen keine Medikamente von uns hier oben?", fragte der Arzt.
"Nein, wir benötigen nichts dergleichen von Ihnen."
Der Direktor des Werks übernahm wieder die Gesprächsführung: "Herr Demidkin, ist auch Jirik Kovalenkow unter den Überlebenden?"
"Jawohl, und es geht ihm gut."
"Dann holen Sie ihn bitte einmal ans Mikrofon!"
Der Direktor wendete sich zugleich an Irina und zur Fernsehkamera: "Frau Kovalenkowa, ohne Ihren beispiellosen Einsatz, ohne Ihr nie ermüdendes Engagement und ohne Ihre nicht zu erschütternde Hoffnung hätten wir vielleicht alle den Mut verloren und die Suche aufgegeben. Deshalb haben wir vereinbart, daß Sie, stellvertretend für alle Angehörigen, als erste mit Ihrem Sohn sprechen dürfen. Wollen Sie?"
Tief erschüttert trat die Frau langsam ans Pult. Spontan begannen alle Menschen in dem Raum zu klatschen.
"Jirik...?" stammelte Sie fragend ins Mikrofon.
"Mamuschka! Liebe Mamuschka!" kam es freudig erregt vom anderen Ende der Leitung, aus mehr als tausend Metern Tiefe. "Ich habe mir so Sorgen um dich gemacht, ich weiß doch, wie du dich gegrämt haben mußt", sagte die Stimme.
"Wie ... geht es dir?" fragte Irina zurückhaltend.
"Mir geht es prächtig, Mamuschka. Ich habe mich zum ersten Mal richtig sattessen können. Dein gutes Borschtsch in Ehren, liebes Mütterchen, aber du kannst dir nicht vorstellen, wie wir hier leben. Wir trinken nur Krimskoje. Es geht uns saugut. All das haben wir vom Khan. Ich habe mir schon viele Lieder ausgedacht, um ihn zu loben. Soll ich dir eines vorsingen? Soll ich euch allen ein Lied singen, dem Khane zu Ehren??"
Ohne die Antwort abzuwarten, begann er zu singen. In jede Wohnstube der Ukraine drang die aus der Tiefe kommende, schmerzhaft schöne Stimme, die wahrlich wie aus einer anderen, wenn auch nicht besseren Welt klang. Irina taumelte zurück.
"Was hat es eigentlich mit dem Gerede von diesem 'Khan' auf sich?" fragte der Direktor schließlich, der wieder an das Mikrophon getreten war.
"Er ist der Herr des Erdzentrums!" erklärte Demidkin, der Vorarbeiter. "Er ist eine Art Nomade, der auf feurigem Roß den Erdmantel durchreitet. Er allein hat uns gerettet. Er taucht aus dem Wasser empor und versorgt uns mit allem, wessen wir bedürfen. Er ist ein guter Vater. Und er erwartet von uns fast keine Gegenleistung."
"Ich singe von ihm", warf Jiric ein, "und das tue ich gern. Ich preise ihn gern. Alle Welt soll den Khan kennen."
Der Direktor schaute auf einmal sehr betroffen und meinte: "Sie brauchen sich keine Sorgen mehr zu machen. Wir wissen jetzt, wo Sie sind und wir werden Sie, bei Gott, da unten rausholen. Es wird noch etwas dauern, aber Sie haben das Schlimmste überstanden. Machen Sie Sich keine Sorgen. Das ganze Land steht zu Ihnen. Ich darf sogar vom Präsidenten herzliche Grüße an Sie ausrichten."
"Der Khan läßt auch einen Gegengruß an den Präsidenten entrichten", sagte Demidkin. "Wir haben den Khan gefragt, ob wir uns hochbringen lassen dürfen. Er ist einverstanden. Er sagt, wir hätten einen Auftrag zu erfüllen... einen großen Auftrag... Er trennt sich ungern von uns, der gute Vater, doch er hat uns seinen Segen gegeben. Wir werden euch retten."
Hilfesuchend blickte sich der Firmendirektor um, doch selbst der Arzt in dem grünen Kittel zuckte mit den Achseln.
"Ich würde diesen 'Khan' gerne selbst spechen, um ihm zu danken. Wäre das nicht zufällig möglich?" fragte der Direktor und gab sich listig.
"Nein, das geht nicht. Er reitet gerade durch den Erdmantel, um unsere verunglückten Kameraden in Korea zu versorgen. Ihr würdet den Khan auch gar nicht verstehen, er spricht eine andere Sprache. Am Anfang haben wir ihn auch nicht verstanden, aber jetzt verstehen wir ihn vollkommen."
Allmählich entstand immer mehr Unruhe im Kontrollzentrum und der Reporter sprach in die Kamera:
"Meine Damen und Herren, wir brechen hier unsere Direktübertragung ab. Die Verschütteten sind offenbar noch ein wenig verwirrt, was angesichts der Strapazen verständlich ist. Aber ich bin sicher, Sie haben sich genauso wie wir davon überzeugen können, daß es den Verunglückten substantiell gut geht und daß sie alle gerettet werden. Mit dieser frohen Botschaft verabschiede ich mich von Ihnen aus Kadijewka..."
Nach der Liveschaltung liefen die Menschen kreuz und quer in dem engen Kontrollraum durcheinander, fast vergessen blieb Irina schockiert auf ihrem Stuhl sitzen und sagte: "Seine Stimme ... so schön hat er noch nie gesungen ... so schön singt er nicht ... Jirik ist verunglückt ... mein Sohn ist tot ... mein armer Jirik ... oh Gott, er ist - verunglückt..."
"Frau Kovalenkowa", sagte einer der Herren, der sie herbegleitet hatte und nun, als sie zu weinen anfing, endlich auf sie aufmerksam wurde, "das ist heute alles ein bißchen viel für Sie. Wir fahren Sie jetzt nach Hause. Sie ruhen sich aus und morgen früh werden Sie bestimmt ein so glückliches Erwachen haben wie in ihrem ganzen Leben noch nie..."
"Er ist - tot..." stammelte sie weiter vor sich hin, während sie sich willenlos unter den Arm fassen und nach draußen führen ließ.
Die Nachricht von der Entdeckung der Verschütteten ging wie ein Lauffeuer um die Erde. Auch an den anderen Unglücksorten stieg die Hoffnung und wurden die Anstrengungen noch einmal intensiviert. Und auch aus Nordamerika, Deutschland, Chile und Nordkorea wurden bald große Wunder gemeldet! Überall war man bei Sondierungsbohrungen auf viele Überlebende gestoßen. Eigenartig war nur, daß auch diese von einem sonderbaren, unterirdischen Helfer berichteten und sich selbst als "Apostel" bezeichneten. Freilich nannten sie das Phantom in allen Ländern anders: Den amerikanischen Bergleuten habe sich dieser Wohltäter als "Manitou" vorgestellt, die Chilenen sprachen von einem "Urian", die deutschen Bergleute von einem, der sich einfach "der Goebbels" nannte. Psychologen versuchten mühselig zu deuten, wie es zu diesen offenbar unabhängig voneinander auftretenden und beinahe identischen Halluzinationen gekommen sein konnte. Viel schneller als solche Theorien kamen dagegen die Retter voran, die die Bergungsschächte immer weiter und immer schneller in die Tiefe bohrten. Mit dem Hervorkommen der Verschütteten war allerorten bald zu rechnen. Auf allen Kontinenten feierten die Menschen vor freudiger Erwartung.
Auch in Kadijewka tanzte die ganze Stadt. Nur Irina ging Tag für Tag in die einsame Klosterkirche und beging ganz im Stillen und nur für sich allein die Trauerfeier. Sie besprach sich oft mit Pater Nikolaij, ihrem alten Beichtvater. Allein sie sei Schuld, klagte sie sich an, daß die Suche nicht rechtzeitig eingestellt worden war. Sie habe die Toten nicht ruhen lassen. Doch der Priester offenbarte mit der Zeit immer größere Ungehaltenheit über dieses Gerede, er machte Irina plötzlich Vorwürfe, daß sie die Rettung ihres Sohnes nicht akzeptieren wolle. Sie würde in einem Traum leben, sich in ihrer Trauer verkrallen, an ihrem Unglück und an ihrer Opferrolle Gefallen gefunden haben; dies jedoch sei einer Sünde gleichbedeutend. Jeden Tag könne doch das ganze Land den wundervollen Gesängen ihres Sohnes im Radio lauschen, die aus den Schächten übertragen würden, und alles fiebere seiner Bergung entgegnen, und sie als einzige behaupte, er sei es nicht. "Und außerdem er ist unser junger Nationalheld, vergessen Sie das nicht!" rief der Priester empört.
"Die Menschen müssen sich in ihrer Not an etwas klammern, was immer es auch sei", antwortete sie deprimiert, ließ Pater Nikolaij stehen und schlich sich aus dem Gotteshaus.
Wie betäubt wandelte Irina durch die Straßen. Fast an jeder Ecke konnte sie die Leute bewundernd von dem jungen Sänger Kovalenkow aus der Tiefe schwärmen hören, doch das interessierte die traurige Mutter nicht.
Und alles tuschelte von dem geheimnisvollen Khan, den das neue Idol besang. Schon bildeten sich die ersten Glaubenszellen, die den "feurigen Nomaden" als neuen schwarzen Heiland preisten. Doch diese Zukunft sollte Irina erspart bleiben. Eines Nachts, nur ganz wenige Tage vor der in Aussicht gestellten Bergung, stürzte sie sich von einer Eisenbahnbrücke in den kalten Donez.



Zur Startseite